Gefahrstoffabwehr

Dekontamination von Patienten: Präzision und Schnelligkeit retten Leben

Dekontamination von Patienten: Präzision und Schnelligkeit retten Leben

  • Übung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Nach Vorfällen mit atomaren und chemischen Stoffen ist die sachgerechte Patientendekontamination unabdingbar, bevor die Verletzten notfallchirurgisch weiterversorgt werden können. Sorgfalt und Schnelligkeit retten dabei Leben. 

Mehrere Soldaten in Schutzanzügen verpflegen im Zuge einer Übung einen verwundeten Soldaten in einem aufblasbaren Zelt.

Schnelligkeit und Präzision: In der Patientendekontamination muss jeder Handgriff sitzen – eine Herausforderung auch für eingespielte Teams

Bundeswehr/Ronny Grille

Eine Handvoll grüner, luftgestützter Zelte steht aneinandergereiht auf einer Betonplatte mitten im Truppenlager Hörsten bei Bergen, Niedersachsen. In kurzer Abfolge fahren Rettungsfahrzeuge vier Verletzte vor den Zelteingang. Sie weisen Schnittverletzungen, Platzwunden am Kopf und Knochenbrüche auf und müssen für die weitere notfallchirurgische Behandlung dekontaminiert werden. Die Kameradinnen und Kameraden im Feld haben bereits Erste Hilfe geleistet.

Doch bevor die Verletzten notfallchirurgisch behandelt werden können, müssen sie zuerst dekontaminiert werden, denn alle sind mit Chlorgas in Berührung gekommen. Diese Aufgabe übernehmen die Einsatzkräfte der 3. Kompanie des Sanitätsregimentes 1.

Die insgesamt 34 Frauen und Männer aus Weißenfels sowie zwei Ärzte aus dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm versorgen Verletzte und Verwundete unmittelbar nach Vorfällen mit atomaren und chemischen Stoffen. Der Kompaniechef, Hauptmann Ronny Grille, sagt: „Nach der Selbst- und Kameradenhilfe und der anschließenden notfallmedizinischen Versorgung sind wir der nächste Schritt in der Rettungskette. Ob Knochenbruch oder Schussverletzung: Ist der Patient kontaminiert, muss er zu uns, bevor er auf den OP-Tisch kann.“ 

Behandlung von 36 Patienten in sechs Stunden

Die landgestützte Patientendekontaminationseinrichtung gehört zur sanitätsdienstlichen Versorgung für die multinationalen Einsatzkräfte der schnellen NATO-Eingreiftruppe Very High Readiness Joint Task Force (VJTFVery High Readiness Joint Task Force ) 2023. Das Szenario im Truppenlager Hörsten im Rahmen der Großübung Wettiner Heide dient dazu, die Fähigkeiten der Soldatinnen und Soldaten zur überprüfen und im Zusammenwirken mit den Kräften der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr ihre Einsatzfähigkeit und Einsatzbereitschaft nach NATO-Vorgaben zu zertifizieren.  

Die Vorgabe: Innerhalb von sechs Stunden müssen bis zu 36 liegende Verletzte und Verwundete behandelt werden können. Für Patienten, die noch gehen können, sind dagegen die Kräfte der 2. Kompanie des ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehrbataillons 750 aus Bruchsal zuständig. Diese Zusammenarbeit sei bei einer hohen Anzahl an Verletzten extrem wichtig, um alle Ankommenden so schnell wie möglich dekontaminieren und weiterbehandeln zu können, so Grille. 

Ein aufblasbares Zeltsystem aufgebaut in einer Reihe. An den Seiten der Zelte sind die Luftkompressoren zu sehen.

Unspektakulär im Anblick, aber überlebenswichtig: Nach Kontakt mit ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Stoffen müssen die Verletzten zuerst in der Patientendekontamination behandelt werden. Erst danach werden sie notfallchirurgisch versorgt.

Bundeswehr/Ronny Grille

„Alle Hände helfen mit“

Die Stoppuhr für die Soldatinnen und Soldaten aus Weißenfels läuft bereits beim Aufbau. Denn auch hier gilt: Sechs Stunden nach dem Abladen muss die landgestützte Patientendekontaminationseinrichtung einsatzbereit für die Patientenversorgung sein. Ein enger Zeitplan, der nur im Team gehalten werden kann: „Beim Aufbau helfen alle Hände mit – vom Arzt bis zum Fahrer“, sagt Hauptfeldwebel Ronny Braune, stellvertretender Zugführer und als Aufbauleiter verantwortlich für Erkundung des Aufbauplatzes und Planung sowie Koordination des Aufbaus. 

Pünktlich um 17 Uhr stehen alle Zelte, die Inneneinrichtung ist montiert, Elektrik, Klimageräte und Wasserversorgung sind von den zuständigen Fachleuten geprüft und abgenommen: Full Operational Capability (FOCFull Operational Capability) – volle Einsatzbereitschaft – innerhalb der geforderten Zeitlinien geschafft. Ziel 1 ist erreicht. „Wir sind ein eingespieltes Team. Da lassen sich auch die vorgegebenen Zeiten knacken“, freut sich Braune. 

Sauberes Arbeiten ist überlebenswichtig

Die eigentliche Dekontamination ist eng getaktet und genau festgelegt. Direkt nach Ankunft wird der Patient vorgesichtet und stabilisiert. Dann beginnen die einzelnen Behandlungsschritte: Schneiden 1, Schneiden 2, Nassdekontaminination, Nachkontrolle und Vorbereitung der Verletzten auf den Transport.  

„Bei Schneiden 1 kommt der Patient auf der Trage zu uns. Wir tragen Reinigungslösung auf und entfernen nach einem festen Schnittmuster den Overgarment, also den ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Schutzanzug des Verletzten“, erläutert Frau Oberstabsgefreiter Anne Lackmann. Das Herausforderndste dabei sei die Kommunikation mit den Kameraden und dem Patienten. Denn alle tragen ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Schutz mit Atemschutzmaske.

„Sauberes und schnelles Arbeiten sind sehr wichtig“, ergänzt Stabsunteroffizier Kevin Plochowitz, der das Material bewirtschaftet, aber so wie alle anderen Soldatinnen und Soldaten auch in der Patientenbehandlung eingesetzt ist. Auf keinen Fall dürfe man beim Schneiden mit den Händen an den Feldanzug der Verletzten kommen, damit der Gefahrstoff nicht weitergetragen werde.

Mehrere Soldaten in Schutzanzügen verpflegen im Zuge einer Übung einen verwundeten Soldaten in einem aufblasbaren Zelt.

Hand in Hand: Nach dem Herausschneiden aus dem Feldanzug an dieser Station werden auch Verbände und Tourniquets getauscht

Bundeswehr/Ronny Grille

Bei Schneiden 2 entfernt ein neues Team den Feldanzug, Verbände und Tourniquets zum Abbinden stark blutender Wunden an Gliedmaßen werden gewechselt. Im nächsten Schritt werden die Verletzten sorgfältig mit Wasser und Bürste abgewaschen und gereinigt, dann getrocknet und Verbände erneut gewechselt. Vor dem Weitertransport zur notfallchirurgischen Behandlung werden sie noch einmal stabilisiert.

„Wir leben unseren Auftrag“

Die Soldatinnen und Soldaten der Einrichtung schätzen ihre Aufgabe und sind sich zugleich ihrer Verantwortung bewusst. „Wenn ein Patient ankommt, müssen alle funktionieren, auch wenn es hektisch wird. Aber das Schönste ist, wenn man es schafft, den Patienten so schnell wie möglich zur Weiterbehandlung zu geben“, sagt Lackmann, die schon seit 2018 in der Dekontamination arbeitet. 

Ein Ziel, dass auch in Hörsten erreicht wurde: Im Übungsszenario waren alle vier verletzten Soldatinnen und Soldaten in der vorgegebenen Zeit dekontaminiert, stabilisiert und für den Transport vorbereitet. Das Ergebnis: Die landgestützte Patientendekontaminationseinrichtung aus Weißenfels ist einsatzbereit und zertifiziert für die VJTFVery High Readiness Joint Task Force 2023. „Wir leben unseren Auftrag“, sagt Kompaniechef Grille. „Wenn wir gebraucht werden, sind wir in kürzester Zeit marschbereit.“

von Simona Boyer

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