„Euer Kommandeur weint abends auch“

„Euer Kommandeur weint abends auch“

  • Reportage
  • Afghanistan
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Ende August evakuiert die Bundeswehr 5.347 Menschen aus Kabul und rettet sie so vor dem Zugriff der Taliban. Die Luftbrücke nach Taschkent ist eine gemeinsame Kraftanstrengung. Den beteiligten Soldatinnen und Soldaten wird für immer die Erinnerung an verstörende und dystopische Szenen, aber auch viele unendlich dankbare Menschen bleiben.

Soldaten und Evakuierte, jeweils von hinten zu sehen, steigen aus einem A400M.

Täuschende Ruhe: Die verzweifelte Situation der Menschen in Kabul führte viele Soldatinnen und Soldaten an ihre emotionalen Grenzen.

Bundeswehr/Marc Tessensohn

„Nehmen Sie sich für das Wochenende mal lieber nichts vor.“ So eine Ansage seines Vorgesetzten hat für Oberst i. G. Ludger Bette, Abteilungsleiter im Einsatzführungskommando der Bundeswehr, nicht unbedingt Seltenheitswert. Aber am 13. August 2021 ist gerade der Fall von Masar-i Scharif im Norden Afghanistans an die Taliban bekannt geworden. Dort hatte die Bundeswehr mit Camp Marmal lange ihr größtes Feldlager und ihr Hauptquartier. Landesweit leisten die afghanischen Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt kaum noch nennenswerten Widerstand. Die Hauptstadt Kabul ist bereits von den Taliban eingeschlossen und mit ihr eine noch unbekannte Anzahl deutscher Landsleute.

Deutsche Staatsbürger in Gefahr

Bette, 59 Jahre, drahtig, ist seit vier Jahrzehnten Soldat. Ihm schwant sofort, dass es mit dem geplanten Familienwochenende nichts werden wird. Die krisenhafte Lage in Afghanistan macht Evakuierungen von deutschen Zivilisten erforderlich. Und Evakuierungen werden beim Einsatzführungskommando in Schwielowsee geplant und koordiniert. Bette selbst ist Leiter des in solchen Fällen zu aktivierenden Einsatzstabes.

„Bei Evakuierungsoperationen gibt es verschiedenen Eskalationsstufen“, erklärt Bette einige Wochen später in seinem Büro. Zumeist bleibe es bei einer diplomatischen Variante, der schnellen Luftabholung. „So wie bei der Rückholaktion für Deutsche aus China zu Beginn der Corona-Krise Anfang 2020.“ Die nächste Stufe wäre eine „schnelle Luftevakuierung“. Und dann bleibt noch die „robuste Evakuierung“. Das, sagt Bette, sei die aufwendigste und eigentlich unwahrscheinlichste Form. „Aber unter den speziellen Bedingungen in Afghanistan lief es sehr schnell darauf zu.“

Auftrag von Bettes Einsatzstab und der unterstellten Joint Operations Planning Group (JOPG Joint Operations Planning Group) ist es dann, ein Kräftedisposititiv festzulegen, die für die jeweilige Krisenlage maßgeschneidert ist. Die Entfernungen im Einsatzland, Infrastruktur vor Ort, Bedrohungslage und viele weitere Faktoren fließen in diese Überlegungen ein. Bette selbst hat als Transportflieger Tausende Flugstunden absolviert und zweimal ein Lufttransportgeschwader als Kommodore geführt. Ein glücklicher Zufall. Denn die Lufttransportkomponente wird sich bei der anstehenden Operation als Schlüsselelement erweisen.

Gemeinsame Anstrengung der gesamten Bundeswehr

Nach der Aktivierung beginnen die Räder des militärischen Apparates ineinander zu greifen. Im Laufe des Samstags werden die Kommandeure der betroffenen Verbände informiert und zu ihren Standorten zurückgerufen. „Unser Stab plant auf der operativen Ebene“, erklärt Bette. „Die Detailplanung auf taktischer Ebene übernimmt die Division Schnelle Kräfte.“ Viel ist zu bedenken und zu koordinieren. Fallschirmjäger und Sanitätskräfte, Transportflieger und Feldjäger. Abgesehen von der Marine werden am Ende fast alle Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche der Bundeswehr ihren Teil zur Operation beitragen.

Und das ist nur der militärische Anteil. Im Krisenstab des Auswärtigen Amtes sind neben dem Verteidigungsministerium weitere Ressorts vertreten. Gerade auf den diplomatischen Kanälen herrscht in den Tagen zu Beginn der Evakuierungsoperation Hochbetrieb. „Das ist beinahe die größte Herausforderung“, sagt Bette. „Überfluggenehmigungen sind zu organisieren. Und die Landung bewaffneter Kräfte in einem souveränen Staat wie Usbekistan will auch angemessen diplomatisch begleitet werden.“

Ein deutscher Airbus A400M startet zu einem Evakuierungsflug nach Kabul auf dem Flughafen in Taschkent in Usbekistan

Startklar: Die Rettung der Schutzsuchenden konnte nur auf dem Luftweg erfolgen. Die Bundeswehr richtete eine Luftbrücke zwischen Kabul, Taschkent und Deutschland ein.

Bundeswehr/Marc Tessensohn

Deutscher Evakuierungsverband startet nach Kabul

Viel Arbeit, viel Aufwand für die deutschen Botschaften und ihre Militärattachés, weiß Bette. Nach einem durchgearbeiteten Wochenende startet der deutsche Verband am Montag mit zwei Airbus A400M und einem A310 von Wunstorf aus über Baku in Richtung Einsatzland. 465 Soldatinnen und Soldaten bilden am Ende das Kontingent. Ihr Auftrag: Deutsche und Europäer sowie afghanische Ortskräfte mit deren Familien und besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen aus dem Bürgerkriegsland herauszubringen.

Was auf den ersten Blick einfach klingt, erweist sich vor Ort häufig schlicht als undurchführbar. Die Ortskräfte sollten eigentlich in einem geregelten Verfahren Visa erhalten und anschließend selbstständig aus Afghanistan ausreisen. Vom schnellen Vormarsch der Taliban überrascht, hatten aber viele ihre Papiere noch nicht erhalten. Das deutsche Botschaftspersonal war zum Zeitpunkt des Eintreffens der Evakuierungskräfte bereits auf dem militärischen Teil des Flughafens gebracht worden. Wie also kommen die Schutzsuchenden zu ihren Rettern? Den deutschen Staatsbürgern geht es nicht anders. „Die Menschen sind durch die Bundeswehr – soweit möglich – angerufen worden. Dann hat man versucht, sie zu Abholpunkten zu lotsen.“ Vermutlich wäre das schon unter normalen Verhältnissen schwierig.

Luftlandebrigade 1 als Rückgrat des Einsatzes

Aber in Kabul ist zu diesem Zeitpunkt nichts mehr normal. Brigadegeneral Jens Arlt, den Kommandeur der Luftlandebrigade 1, haben die Anrufe am Samstag bei einem Familienfest ereilt. Arlt ist optisch derselbe Typ wie Bette. Hochgewachsen, schlank und asketisch. Seit 1997 dient der ehemalige  Panzeraufklärer beim Kommando Spezialkräfte (KSKKommando Spezialkräfte) und wird einer der ersten Kommandooffiziere des Heeres. Er absolviert viele Einsätze als Kommandosoldat auf dem Balkan und in Afghanistan. Zweimal führt er dort die Task Force 47, zuletzt 2011. „Ich habe ziemlich viel Zeit in Afghanistan verbracht“, sagt er selbst. „Das hilft, die Dinge vor Ort einzuordnen.“ Auch die Jahre in Calw sind für Arlt in Kabul ganz sicher kein Nachteil. Die Spezialkräfte werden bei der Operation noch eine wichtige Rolle spielen.

Arlts Luftlandebrigade 1 verfügt über das Personal und das Know-how, um weltweit Evakuierungsmissionen durchzuführen. Nach der Aktivierung wird ein Planungsteam, Schlüsselpersonal der Brigade, in Potsdam beim Einsatzführungskommando zusammengezogen. „Vorplanungen für eine bewaffnete Rückführung deutscher Staatsbürger hat es gegeben, seit das Kontingent Resolute Support abschmolz“, erklärt Arlt. Nach dem Siegeszug der Taliban ist dieser Fall überraschend schnell eingetreten.

Alarmstart an den Hindukusch

Während Arlt sich seine persönliche Ausrüstung schnappt und ins Saarland fährt, verschieben sich die Zeitlinien nach vorn. Sollte der deutsche Einsatzverband ursprünglich erst gegen Mitte der Woche in Kabul sein, geht es nun bereits  am Montag los. Zeit für Vorerkundungen bleibt nicht. Arlts Truppe empfängt Verpflegung für 72 Stunden. Waffen und Munition, eine komplette Sanitätsausstattung. Volle Kampfbeladung! Am 16. August geht es von Wunstorf mit drei Maschinen Richtung Afghanistan. Etwa hundert Soldatinnen und Soldaten pro Flugzeug.

Vor dem finalen Sprung nach Kabul landet der Verband noch einmal in Baku. Auftanken, Playtime schaffen, nennen das die Piloten. Viel Sprit in den Tanks gibt Sicherheit und schafft Optionen. Während der Airbus A310 zurückbleibt, starten die beiden A400M in Richtung Kabul. „Wir wurden dort lange in der Holding gehalten“, sagt Arlt. Am Boden war alles in Auflösung begriffen. Tags zuvor hatten verzweifelte Afghanen Flugzeuge gestürmt und sich an startende Maschinen geklammert. Die Startbahnbeleuchtung war zerstört, die Bodenkontrolle ließ auch Militärtransporter nur „auf eigenes Risiko“ landen.

Zwei Soldaten (von hinten zu sehen) stehen vor einer Menschenschlange am Flughafen in Kabul

Hoffnung auf ein freies Leben: Eine Mutter wartet darauf, passieren zu dürfen. Die Flucht würde für sie und ihr Baby, das sie fest im Arm hält, ein besseres Leben bedeuten.

Bundeswehr/EKT

Nur eine Maschine schafft es nach Kabul

Die  Maschine mit Arlt und seinen Leuten an Bord erhält auch nach drei Stunden in der Warteschleife keine Landefreigabe. Der Sprit wird schließlich knapp und der Transporter muss nach Taschkent umkehren. Der zweite A400M schafft es in dieser Nacht mit einer Kampflandung auf den Flugplatz. Als Arlt am nächsten Tag in Kabul eintrifft, haben seine Leute vor Ort die Zeit schon gut genutzt. Die ersten Schleusen funktionieren und etwa 120 Menschen sind für die Evakuierung identifiziert und registriert worden.

Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit

Die Lage am Hamid Karzai International Airport ist in diesen Tagen Ende August bizarr. Der südliche Teil mit den zivilen Abfertigungsterminals des Flughafens wird ebenso wie die weitere Umgebung von den Taliban kontrolliert. Die Landebahn markiert eine Art Demarkationslinie. Nördlich davon haben die Koalitionskräfte die Kontrolle.

Gleich in der ersten Nacht haben die Deutschen ein Gebäude in der Nähe des North Gate mit Beschlag belegt. Bis zur nördlichen Umfriedung ist es nicht weit. Auf der anschließenden Russian Road patrouillieren die Taliban mit ihren Tacticals, zu militärischen Zwecken umgebauten normalen Autos.

Dazwischen wogt die Menge derer, die sich Hoffnung machen, noch rauszukommen aus Afghanistan. Deutsche Staatsbürger, Menschen mit deutschem Pass oder Dokumenten, die sie als Ortskräfte ausweisen. EU-Bürger und Doppelstaatler, die den Sommer in der alten Heimat verbringen oder einfach mal die Oma besuchen wollten. Jetzt scheitern viele beim Versuch, dicht genug an die Gates zu gelangen, um sich bemerkbar zu machen.

Die Szenen an den Toren sind unbeschreiblich und schwer zu ertragen. Die Bilder dort sind dystopisch und atmen Endzeitstimmung. Immer wieder werden gerade Frauen und Kinder in den Stacheldraht gedrückt und schwer verletzt. Afghanische Hilfskräfte schlagen zu und schießen mit Gummigeschossen. Warnschüsse peitschen über die Menge. Die Stimmung wird immer aggressiver und angespannter.

Arlt hat seit seiner Rückkehr nach Deutschland mehrfach über diese Erlebnisse berichtet und ist immer noch sehr angefasst. „Viele der jungen Soldatinnen und Soldaten des Kontingentes hatten dort ihren ersten Einsatz.“ Die Eindrücke von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gehören zum Schlimmsten, was man sich vorstellen kann. „Gerade die Hilflosigkeit, die jeder erlebt hat, der dabei war. Denn uns wurde bald klar, wir können nicht alle rausholen.“ Arlt empfindet das als Makel, ein moralisches Dilemma.

„Scheiße ist das hier“

Als er bei seinen jungen Soldaten immer häufiger in leere Augen blickt, nimmt der General kein Blatt vor den Mund. „Scheiße ist das hier“, sagt er. Und weinen sollen sie ruhig, angesichts des tausendfachen Elends. Das befreit. Nur so könne man Mensch bleiben. Und keiner solle sich Illusionen machen: „Euer Kommandeur weint abends auch.“

Am 21. August lässt er die 6. Kompanie des Fallschirmjägerregimentes 31 durch die Kameradinnen und Kameraden der 5. Kompanie ablösen. Fürsorge nach Tagen des blanken Horrors an den Gates.

Soldaten kontrollieren Person in einem eingezäunten Zugangsbereich am Flughafen in Kabul

Auf der Suche nach Ausreiseberechtigten: Fallschirmjäger identifizieren ehemalige Ortskräfte und andere Gefährdete in der wartenden Menschenmenge rund um den Flughafen Kabul.

Bundeswehr/EKT

Der Andrang der Schutzsuchenden lässt nicht nach. Im Gegenteil. „Dass Ausreisen möglich sind, hat sich draußen schnell herumgesprochen“, sagt Arlt. Vor den Toren werden die Schwächsten nach hinten durchgereicht. Frauen und Kinder sind dort bald kaum mehr zu sehen. An den aussichtsreicheren Stellen finden sich nur noch junge Männer – von denen viele mit fragwürdigen Dokumenten wedeln. Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, eine zutreffende Unterscheidung zwischen schutzberechtigten und nicht schutzberechtigten Personen zu treffen.

KSKKommando Spezialkräfte rettet Zivilisten von außerhalb des Stacheldrahtes

Vor Ort steht der Kommandeur regelmäßig in Kontakt mit dem Ministerium. Manchmal ist er wegen der Schüsse im Hintergrund schlecht zu verstehen. In direkten Gesprächen hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer General Arlt dezidiert ihr Vertrauen ausgesprochen und ihn beschworen, so viele Menschen wie irgend möglich zu retten. Zeit für die Auftragstaktik.

Arlt lässt seinen Kommandosoldaten „outside the wire“ freie Hand. So können sie gezielt identifizierte Schutzbedürftige aus dem Gewühl holen. Auch bei mehreren nächtlichen Einsätzen außerhalb des Flughafens gelingt es den KSKKommando Spezialkräfte-Männern, weitere besonders bedrohte Personen in Sicherheit zu bringen. Aber jeden Tag steigt die Bedrohung und die Uhr tickt.

„Allein mit dem Registrieren und Aufnehmen einer Person ist es nicht getan“, sagt Arlt. „Wir müssen sie vor Ort verpflegen und gegebenenfalls medizinisch versorgen. Denn wir sind ja für sie verantwortlich. Das sind unsere Schutzbefohlenen.“ Bei oft über 40 Grad Hitze in Staub und Dreck unter einer erbarmungslosen Sonne kommen auch trainierte Soldaten an in ihre Grenzen. Wie ergeht es entkräfteten und verängstigten Zivilisten?

Retter am Ende ihrer Kräfte

Die Deutschen können helfen. Den Geretteten und auch ihren Verbündeten. Bald funktionierte es recht gut mit dem Nachschub, sagt Arlt. „Acht andere Nationen haben wir zeitweise mitversorgt.“ Aus Deutschland werden Kindernahrung und Bedarfsartikel wie Windeln nachgeführt. Sonnencreme und Hygieneartikel, Wasser und Nahrung sowieso.

Aber nach gut einer Woche geht die Operation zu Ende. Arlt und sein Verband haben in diesen Tagen selbst unter miserablen Bedingungen gelebt. Kaum geschlafen, kaum Möglichkeiten zum Waschen gehabt. Die Gedanken an jene Menschen, die seine Soldatinnen und Soldaten nicht rausholen können, muss Arlt wegschieben. „Unter den gegebenen Bedingungen haben wir das Maximum dessen geschafft, was möglich war.“

 „Alle aus Afghanistan evakuierten Personen kamen zunächst mal nach Taschkent“, sagt Bette. Den Vertretern des Auswärtigen Amtes waren von usbekischer Seite verschiedene Bedingungen gestellt worden. So durften sich maximal 600 „Echos“ gleichzeitig am Flughafen Taschkent aufhalten. „Und binnen sechs Stunden nach Ankunft aus Kabul mussten die Evakuierten im Flieger nach Deutschland sitzen.“ Anfangs lösen die Planer das mit dem Airbus A310 der Luftwaffe und Chartermaschinen der Lufthansa. Später unterstützt auch die staatliche Uzbekistan Airways.

Im Luftraum wird es in diesen dramatischen Tagen eng – insbesondere über Kabul. „Viele Nationen versuchen gleichzeitig, ihre Maschinen in die Luft zu bekommen. Das gibt harte Konkurrenz um die Slots am Flughafen Kabul“, sagt Bette. Im Einsatzführungskommando der Bundeswehr werden auch die Informationen der Verbündeten ausgewertet. Insbesondere die der USUnited States-Amerikaner, die in Kabul als Führungsnation auftreten. „Die Amerikaner haben klar signalisiert, dass andere Nationen spätestens am 27. August 2021 Kabul verlassen sollen.“ Danach könnte die Sicherheitslage schnell erodieren.

Der Abzug des Kontingentes wird geplant

Dieser „clearing day“ wirft für die Planer in Schwielowsee eigene Fragen auf. „Wir wollten so viele Menschen wie nur irgend möglich evakuieren“, sagt Bette. „Also durften wir nicht zu früh abziehen. Zugleich konnten wir den Auftrag nur erfüllen, solange sich die Sicherheit unseres Kontingentes gewährleisten ließ.“ Zu spät abzurücken war also auch keine Option. „Das Ende der Evakuierungsflüge wurde dann auf die Mittagszeit des 26. August 2021 festgelegt.“ Danach müssten noch die deutschen Soldatinnen und Soldaten und ihr Material zurückgeführt werden.

Für die Planer in der JOPG Joint Operations Planning Group ergibt sich wieder eine Herausforderung. Sie müssen kalkulieren, wie viele Transportflugzeuge Arlt braucht, um sein Kontingent aus Kabul herauszuführen. „Wir haben ausgerechnet, dass zum Schluss drei A400M ausreichen.“ Allerdings wird bereits zuvor damit begonnen, das Kontingent abzuschmelzen und Material auszufliegen. Für das Kontingent am Boden hat das zur Folge, dass die Sicherungsringe aus personellen Gründen enger gezogen werden müssen.

Am späten Nachmittag des 26. August 2021 ist Schluss. Kurz nachdem ein Selbstmordattentäter am Abbey Gate viele Menschen in den Tod gerissen hat, geht der Einsatzverband auf die Maschinen und verlässt Kabul. Arlt lässt vorher die deutsche Flagge nieder und nimmt sie mit. Später wird er sie seinen Kameraden aus Calw überreichen. Eine soldatische Geste für jene Männer, die nächtelang unter hohem persönlichem Risiko dutzende Zivilisten in Sicherheit gebracht haben.

Schrecksekunde zum Abschluss

Die letzte Schrecksekunde ist für Arlt und Bette vielleicht auch die schlimmste in diesen Tagen. Zwei Soldaten des Kontingentes sind beim Abflug nicht an Bord. „Hintergrund war, dass uns die Amerikaner wegen der unklaren Sicherheitslage nach dem Anschlag zum sofortigen Abflug aufgefordert hatten“, erläutert Arlt. Die Männer werden  mit Unterstützung der USUnited States-Verbündeten zum Rollfeld geleitet, wo kurz darauf der deutsche MedEvacAirbus landet und die Soldaten aufnimmt.

Als das Hauptkontingent am Abend des 27. August 2021 wohlbehalten in Wunstorf eintrifft, ist Oberst Bette erleichtert. Und nicht nur er. „An diesem Abend gab es bei uns Pizza.“ Tags darauf geht in der JOCJoint Operation Center – bildlich gesprochen – das Licht aus. Nach exakt 14 Tagen deaktiviert Bette den Einsatzstab, das Personal kehrt in seine gewohnten Verwendungen zurück. Am 28. August 2021 meldet der Oberst dem Befehlshaber offiziell das Ende der Evakuierungsoperation.

Soldaten der Evakuierungsoperation beim Antreten in Wunstorf

Wieder zuhause: Auch in der sicheren Heimat werden die Erinnerungen an den Evakuierungsoperation die Soldatinnen und Soldaten ein Leben lang begleiten.

Bundeswehr/Jana Neumann

Emotionaler Abschluss in Wunstorf

Für General Jens Arlt endet der Einsatz auf der Flight in Wunstorf, wo er dem Befehlshaber Generalleutnant Erich Pfeffer meldet. „Die Anwesenheit der Presse habe ich zunächst gar nicht so wahrgenommen“, erinnert er sich. „Ich war darauf fokussiert, die Sache zu einem ordentlichen Ende zu bringen. Das habe ich auch meinen Leuten gesagt. Gleich ist es geschafft.“

Der letzte Akt vor der Waffenabgabe war ein kurzes Statement an der Seite der Ministerin. Über die Dauer der Operation hatte Arlt ständig mit Kramp-Karrenbauer in Kontakt gestanden. Am Ende des Statements fielen sie dann einander in die Arme. „Das war einfach eine emotionale Situation, ganz spontan“, sagt Arlt. „Wir waren in diesem Moment ziemlich erleichtert.“

von Markus Tiedke

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