Auf dem Raketenprüfstand: Die Arbeit von Andrea Moss

Auf dem Raketenprüfstand: Die Arbeit von Andrea Moss

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Andrea Moss arbeitet mittlerweile seit knapp 34 Jahren bei der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTDWehrtechnische Dienststelle 91) in Meppen. Dort untersucht und testet sie unter anderem das Abbrandverhalten von Raketenfeststoffantrieben.

Eine Frau steht vor einer Warntafel vor Bäumen

Andrea Moss ist Technische Regierungsoberamtsrätin. Sie arbeitet auf dem Raketenprüfstand, in einem sogenannten "gefährlichen Betriebsteil" der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTDWehrtechnische Dienststelle 91).

Bundeswehr/Wullers

Nach Abschluss ihres Maschinenbaustudiums und der Laufbahnausbildung im gehobenen technischen Dienst wurde Andrea Moss 1987 ihr Wunsch erfüllt: Sie startete ihre Karriere an der WTDWehrtechnische Dienststelle 91 in Meppen. Die Versuchsleiterin war für die Erprobung des Raketenwerfer-Systems MARSMittleres Artillerieraketensystem und im Anschluss als Sachbearbeiterin für die Untersuchung von Raketen- und Lenkflugkörperzündern zuständig. Heute arbeitet die Beamtin im Geschäftsfeld „Raketenantriebe und Rohrwaffentreibmittel“ als Sachgebietsleiterin für Raketenantriebe. Als Versuchsleiterin führt sie gemeinsam mit ihrem Team regelmäßig sogenannte stationäre Abbrände von Raketenantrieben auf unterschiedlichen Prüfständen durch und wertet diese aus.

Frau Moss, Ihre Arbeit klingt hochexplosiv - gibt es besondere Anforderungen im Umgang mit scharfer Munition?

Ja, die gibt es! An unserer Dienststelle ist eine Qualifikation, die über die Laufbahnausbildung hinausgeht, besonders wichtig: die sogenannte Fachkunde im Umgang mit Munition. Sie ist ähnlich wie die Ausbildung der Kampfmittelabwehrspezialisten der Streitkräfte. Die Schwerpunkte liegen aber auf der Erprobung und Veränderung von Munition und auf der Beurteilung von Blindgängern und belasteter Munition. Dieses Wissen konnte ich perfekt während meiner Tätigkeit im Lehrstab der WTDWehrtechnische Dienststelle 91 nutzen. Über viele Jahre habe ich Menschen aus dem gesamten Rüstungsbereich und aus anderen Behörden wie dem Bundeskriminalamt und den Kampfmittelräumdiensten der Länder im Umgang mit Munition ausgebildet.

Wie sieht denn ein normaler Arbeitsalltag bei Ihnen aus?

Eine Frau steht an einer Werkbank und bereitet etwas vor

Perfekte Abwechslung: Als technische Verwaltungsbeamtin tauscht Andrea Moss den Schreibtisch öfters gegen die Werkbank. Hier präpariert sie eine Raketendüse für einen Abbrand.

Bundeswehr/Wullers

Das kommt darauf an. Wenn zum Beispiel ein Versuch ansteht, dann bekommt unser Geschäftsfeld einen Auftrag zur Durchführung einer Untersuchung. Für mich ist das gleichzeitig das Startsignal, ich beginne mit der Planung des Versuchs. Ich muss mir überlegen, wie der konkrete Ablauf erfolgen soll. Wichtig ist auch: Was ist für den Aufbau des Versuches erforderlich? Müssen die Werkstätten unserer WTDWehrtechnische Dienststelle noch etwas vorbereiten? Und - nicht zuletzt: Welche Messtechnik wird zum Einsatz kommen?

Außerdem muss ich mir überlegen, was bei einem unplanmäßigen Ablauf passieren könnte. Was passiert, wenn zum Beispiel der Raketenmotor gar nicht anzündet oder er sich unvorhergesehen zerlegt, also platzt? Kann das zu einer Gefahr werden? Und welche Maßnahmen müssen schon bei der Vorbereitung berücksichtigt werden. Das ist manchmal eine ziemliche Herausforderung!

All diese Planungen müssen natürlich dann auch „papiermäßig“ umgesetzt werden. Neben der Dokumentation und Auswertung der Versuche muss ich technische Unterlagen studieren, um über die Munition Bescheid zu wissen. Außerdem sind Abstimmungen zwischen allen beteiligten Stellen, sowohl in unserer Dienststelle, als auch mit dem BAAINBwBundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, anderen WTDen und Firmen, zu treffen.

Und woran arbeiten Sie aktuell?

Zurzeit bereite ich im Rahmen einer Unfalluntersuchung den Abbrand eines beschädigten Raketenmotors vor. Aufgrund des Defekts erwarten wir, dass der Motor beim Abbrand platzt. Das würde unseren Prüfstand erheblich in Mitleidenschaft ziehen, deswegen erfolgt der Aufbau in einem besonderen Schutzbunker. Dort müssen alle benötigten Einrichtungen, wie zum Beispiel der Prüfstand, auf dem der Motor befestigt wird, die Schutzwände und die Messtechnik, erst aufgebaut werden. Der Aufwand für die Vorbereitung ist bei diesem Versuch recht hoch.

Und wie läuft so ein Versuch dann genau ab?

Eine Frau sitzt an einem Computer

Zurück am Schreibtisch: Bevor der Versuch beginnt, überprüft Andrea Moss die Versuchstechnik und die Überwachungsmonitore.

Bundeswehr/Wullers

Der eigentliche Versuch beginnt mit der Absicherung des Gefahrenbereichs und der Vorbereitung der Munition. Wir montieren zum Beispiel Druckaufnehmer oder schließen Kabel für Messgeräte an. Danach wird der Raketenmotor mit Zurrketten auf dem Prüfstand befestigt. Sind alle anderen Arbeiten abgeschlossen und alle Personen in Sicherheit, wird der Anzünder des Raketenmotors elektrisch angeschlossen. Nach dem Schließen der Sicherheitstüren und – bei größeren Raketenmotoren auch der Fensterläden – ist alles für den Abbrand bereit. Es folgt eine letzte Kontrolle der Überwachungsmonitore und natürlich der Aufzeichnungsgeräte für die Messungen. Erst dann wird der Anzündstrom geschaltet und der Abbrand erfolgt. Dieser dauert allerdings nur wenige Sekunden. Wenn sich die Abgaswolke aufgelöst hat, kann der Gefahrenbereich wieder betreten und die Komponenten untersucht werden.

Je nach Auftrag wird im Anschluss die Hülle des Raketenmotors auch noch einem statischen Berstdruckversuch unterzogen. Wir dichten die Hülle ab und füllen sie mit Wasser. Im Anschluss wird die Hülle so lange unter Druck gesetzt, bis sie platzt.

In einer Metallkonstruktion ist eine weißte Röhre eingespannt

Der Raketenmotor wird im Prüfstand eingespannt und die notwendige Technik angeschlossen...

Bundeswehr/WTD91
Aus einer Halle heraus ist ein großer Feuerstrahl zu sehen.

... bevor der Raketenmotor in wenigen Sekunden abbrennt.

Bundeswehr/WTD91

Und was können Sie aus diesen Messergebnissen lesen?

Der wichtigste Punkt der Untersuchung ist die Beurteilung der Sicherheit und der Funktionszuverlässigkeit der Raketenantriebe. Diese müssen natürlich die Anforderungen des Einsatzes, die Bedingungen bei der Lagerung, der Handhabung und beim Transport während ihrer Lebensdauer erfüllen. Der Berstdruckversuch liefert darüber hinaus wichtige Hinweise zur Konstruktion des Raketenmotors.

Was war Ihr bisher spannendstes Erlebnis?

Die oben schon angesprochene Unfalluntersuchung ist natürlich sehr interessant. Aber ich erinnere mich auch an meine Arbeit in den 90er Jahren im Zünderlabor. Dort habe ich damals Zünder aus dem Bestand der ehemaligen NVANationale Volksarmee untersucht. Es gab so gut wie keine Unterlagen zu dieser Munition. Das Delaborieren (die Zerlegung in Einzelteile, Anm. der Red.) der scharfen Zünder bis zur wortwörtlich „letzten Schraube“ war äußerst anspruchsvoll. Aus den Erkenntnissen wurde dann eine Dokumentation mit technischen Zeichnungen, Schaltplänen und Funktionsbeschreibungen angefertigt. Damals waren das wichtige Erkenntnisgewinne über den technologischen Stand der Sowjetunion und des Warschauer Pakts.

Wen würden Sie gerne einmal persönlich treffen wollen?

Persönlich getroffen hätte ich gerne die Physikerin Marie Curie. Ich bewundere ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen besonders, wenn man die Umstände, unter denen sie lernen und arbeiten musste, berücksichtigt.

von Katharina Theobald

Einblicke in die Arbeit von Andrea Moss

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