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„Taliban euer Tun ist vergebens“ – Bundeswehrgeneral über die Lage im Krieg

Masar-i-Scharif, 17.06.2011, Die Welt.
Nachdem der deutsche ISAF-Regionalkommandeur Generalmajor Markus Kneip bei einem Anschlag verwundet worden ist, übernahm Dirk Backen vorübergehend die Leitung des Regionalkommandos Nord. „Welt Online“ sprach in Masar-i-Scharif mit dem Brigadegeneral.

Porträt von Dirk Backen in Einsatzuniform

Führt derzeit das RC North: Brigadegeneral Dirk Backen (Quelle: Bundeswehr/Ingo S.)Größere Abbildung anzeigen

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Herr Backen, wie stark sind die Taliban in Nordafghanistan?

Ich würde die Stärke der Taliban nicht an geschätzten Personalstärken, der Menge von Sprengstoff oder der Anzahl an IED-Anschlägen festmachen, sondern an der Fähigkeit, staatliche Strukturen zu bedrohen und die Bevölkerung einzuschüchtern. Wenn ich mich im Verantwortungsbereich unseres Regionalkommandos umschaue, stelle ich schon fest, dass wir die Taliban seit vorigem Jahr stark zurückgedrängt haben. Anzunehmen, dass es nur deswegen nicht weiter zu terroristischen Anschlägen kommt, wäre jedoch unrealistisch. Man muss weiter von dieser Bedrohung ausgehen. Aber die Zivilgesellschaft und die staatlichen Sicherheitsstrukturen sind gegen die Einflussnahme der Taliban resistenter geworden.

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Das nützt der Bundeswehr nichts wenn die Taliban ihre Strategie auf Anschläge mit Bomben genannt IED umstellen.

Von einem Strategiewechsel außer Terror stelle ich im Augenblick nichts fest. Was denn sonst ist das In-die-Luft-Jagen von zumeist sehr jungen Menschen? Insofern ist die Strategie die gleiche geblieben: Angst und Schrecken zu verbreiten, das Vertrauen in staatliche Strukturen zu untergraben. Die Antwort darauf ist durch den Strategiewechsel der ISAF und der afghanischen Sicherheitskräfte insgesamt gegeben: Man versucht nicht mehr, den Terror direkt zu bekämpfen, sondern eher durch den Schutz der Bevölkerung und der Infrastruktur den Terroristen deutlich zu machen: Euer Tun ist vergebens. Insofern würde es zu kurz greifen, nur Köpfe zu zählen.

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Geht ihre Zahl denn zurück?

Nein, sie liegt in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Trotzdem können wir insgesamt sagen, dass das, was die Taliban als Frühjahrsoffensive angekündigt haben, nicht eingetreten ist.

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Wie wappnet sich die Bundeswehr gegen zunehmende Anschläge?

Wir erwarten tatsächlich, dass die Anschläge mit sogenannten IED zunehmen werden. Denn die Aufständischen haben erkannt, dass man mit vergleichsweise billigen Mitteln große Wirkung erzielen kann. Wir haben schon viele Maßnahmen ergriffen, um dieser Gefahr zu begegnen. Wir setzen Aufklärungsmittel in der Luft ein, die im Dunkeln wirken können, da IED zumeist nachts vergraben werden. So haben wir schon verdächtige Personen identifiziert und mögliche Gefahrenstellen vorzeitig ausgeschaltet. Eine weitere präventive Maßnahme ist, dass man an bestimmten Straßen Checkpoints baut und die auch über Nacht mit afghanischen Polizisten besetzt.

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Hatte der afghanische Geheimdienst NDS tatsächlich Hinweise auf den jüngsten IED Anschlag vom 2. Juni, als ein Marder Panzer regelrecht zerfetzt wurde und ein Soldat starb?

Ich habe darüber gerade mit dem Chef unseres Nachrichtenwesens gesprochen. Unsere Bewertung ist, dass wir keinen konkreten Anlass haben, um vom NDS enttäuscht zu sein. Sicherlich kann man sich den afghanischen Geheimdienst nicht so strukturiert wie einen westlichen vorstellen. Bisher bekommen wir vom NDS eigentlich alle Informationen. Wir tauschen uns umfangreich aus, auf allen Ebenen, auch sehr vertrauensvoll. Trotzdem muss man in einzelnen Regionen noch einmal genau hingucken, wie gut die Qualität dieser Zusammenarbeit ist. Im Nachgang dieses Anschlags in Baghlan werden wir auch untersuchen, inwieweit wir möglicherweise Informationen früher hätten haben können.

Dirk Backen in Einsatzuniform

General Backen: „Taliban euer Tun ist vergebens“ (Quelle: dpa/Sahel)Größere Abbildung anzeigen

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Stimmt es dass General Kneip vor einem möglichen Anschlag in Talokan gewarnt worden war?

Es gab darauf keinen konkreten Hinweis. Seit etwa März wussten wir aber von einer erhöhten Bedrohung des Polizeichefs im Norden, General Daud Daud, der bei dem Anschlag starb. General Kneip wie uns allen war dieses Risiko bewusst. Üblicherweise treffen die Afghanen die Sicherheitsmaßnahmen bei solchen Veranstaltungen in eigener Regie. Wir werden daran natürlich beteiligt.

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Haben Sie neue Erkenntnisse zu dem Anschlag in Talokan?

Es gibt sicherlich mehrere Hinweise, die man zusammenbinden kann zu einer plausiblen Erklärung. Schwarz auf Weiß werden wir das aber nie haben. Es gibt hier nicht den einen Täter, so etwas kann man nicht als Einzelperson vorbereiten. Dahinter steht ein Netzwerk, teilweise mit Verbindungen bis nach Pakistan, deren Hauptverantwortliche wir noch nicht festgesetzt haben.

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Welche Lehren zieht das Militär aus diesem Anschlag?

Dass wir künftig bei hochrangigen Treffen wie in Talokan aufpassen müssen, dass es erstens nicht zu früh bekannt gegeben wird. Und zweitens müssen wir solche prominente Veranstaltungsorte einer gründlichen Sicherheitsprüfung unterziehen, gemeinsam mit den Afghanen. Wir müssen das Menschenmögliche tun, dürfen aber auch nicht in Hysterie verfallen und hinter jedem Afghanen den nächsten Terroristen sehen.

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Ist die afghanische Armee ein Risikofaktor für die ISAF-Truppen?

Es ist eine normale militärische Aufgabe, die Integrität von Streitkräften, die ja Waffen tragen, so zu bewahren, dass es Extremisten nicht gelingt, Zugang zu bekommen. Das bleibt in diesem Land eine große Herausforderung. Die Afghanen sind aber durchaus in der Lage zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Menschen, die sich in der Gesellschaft an den Rand begeben, werden oft als solche erkannt und auch gemeldet. Da gibt es schon erste Erfolge.

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Stand vom: 03.12.13


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