Im Netzwerk: Voneinander lernen, miteinander helfen
Oberwiesenthal, 21.06.2012.
„Arbeitstagung mit den Partnern im Netzwerk der Hilfe
“, hinter diesem nüchternen Titel verbarg sich ein Treffen von Vereinen, Stiftungen, Initiativen und Verbänden, die sich für Fürsorge und Betreuung in der Bundeswehr engagieren. Eingeladen hatte das Verteidigungsministerium, gekommen waren rund 70 Teilnehmer aus etwa 30 verschiedenen Organisationen.

Eröffnet wurde die Tagung im Haus des Bundeswehr-Sozialwerkes in Oberwiesenthal mit einem verlesenen Grußwort des Verteidigungsministers. Thomas de Maizière hatte die Tagung angeregt, um den „bereits begonnenen Gedankenaustausch und Dialog fortzusetzen
“. Ziel sei es, die Zusammenarbeit der Initiativen untereinander zu stärken und gleichzeitig Unterstützungsmöglichkeiten zu erörtern, „die Sie über den Umfang der dienstlichen Betreuung und Fürsorge hinaus gewähren können“.
Schnelle und unbürokratische Hilfe
Im „Netzwerk der Hilfe“ sind Vereine und Stiftungen zusammengefasst, die als eng mit dem Ministerium verbundene Einrichtungen zumeist ehrenamtlich, finanziert über staatliche Hilfen oder Spenden, in unterschiedlichsten Notlagen zur Seite stehen. Dazu zählen das Bundeswehr-Sozialwerk, das Soldatenhilfswerk, die kirchlichen Arbeitsgemeinschaften für Soldatenbetreuung, private Netzwerke für Familienbetreuung, das PTBS-Portal „Angriff auf die Seele“ und andere.
Darüber hinaus bestehen ehrenamtlich, private, oft Einzelinitiativen, die sich ebenfalls als „Partner im Netzwerk“ für Bundeswehrangehörige engagieren. Viele sind aus eigener Betroffenheit entstanden und aus der Erfahrung heraus, dass die dienstlichen Leistungen in individuellen Notlagen nicht ausreichen oder nicht schnell genug greifen.
Genau an diesem Punkt setzt die Idee des Netzwerks der Hilfe an. Da wo ministerielle und dienstrechtliche Verfahren häufig noch zu lange brauchen, um eine schnelle und individuelle Hilfe im Einzelfall zu leisten, können die privaten Initiativen mit ihren oft persönlichen Erfahrungen unkompliziert und unbürokratisch einspringen und helfen.
Erfahrung und Engagement einbinden
Dieses Potenzial aus Engagement, Erfahrung und auch Empathie aufzunehmen und es zugunsten des Wohles von Soldatinnen und Soldaten einzubinden, war das zentrale Anliegen der Tagung. Generalarzt Dr. Stephan Schoeps, Unterabteilungsleiter des im Rahmen der Neuausrichtung neu geschaffenen Führungsstabes Fü SK II und zuständig für die Bereiche Sanitätsdienst, Soziales und Militärseelsorge, leitete die Tagung.
Als ein Beispiel der Zusammenarbeit zwischen dem Dienstherrn und dem Netzwerk der Hilfe nannte Schoeps den Bereich der Familienbetreuung, besonders in den Einsatzzeiten. „Da gibt es eine große Bandbreite an Initiativen, die unterstützen können und helfen, Lücken in der Betreuung zu füllen.
“ Aber auch die Unterstützung und Betreuung von Hinterbliebenen sowie von einsatzgeschädigten Soldaten und Reservisten waren Themenschwerpunkte der Tagung.
In drei Arbeitsgruppen wurden die Themen in jeweils zwei Sitzungen diskutiert. Dabei stellten sich zunächst alle beteiligten Organisationen und Initiativen vor, beschrieben ihre Angebote und Anliegen, formulierten Probleme und Anforderungen und sondierten Gemeinsamkeiten und Kooperationsmöglichkeiten.
„Die Initiative ist von unserem Minister gestartet worden und wir arbeiten hier in seinem Auftrag. Es ging vor allem darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und Anregungen zu geben, wie sich diese vielen so engagierten Organisationen noch besser vernetzen können
“, so Schoeps.
Trost und Hilfe in der Trauer
Birgitt Heidinger leitet seit Juli 2010 die Ansprechstelle für Hinterbliebene im Bundesministerium der Verteidigung – und in Oberwiesenthal die entsprechende Arbeitsgruppe. Sie kümmert sich auf sehr persönliche Weise um die Bedürfnisse und Belange von trauernden Familienangehörigen ums Leben gekommener Bundeswehrangehöriger. Auch sie weiß um den Wert der vielen engagierten Selbsthilfeinitiativen in diesem Bereich.
Eine der Initiatoren in der Hinterbliebenenbetreuung ist Marlis Böken. Die Mutter der 2008 auf dem Segelschulschiff Gorch Fock tödlich verunglückten Matrosin Jenny Böken engagiert sich seit dem Tod ihrer Tochter für Hinterbliebene in der Bundeswehr. Böken setzt sich ein für eine bessere Absicherung, auch für hinterbliebene Partner ohne Trauschein, sie wünscht sich eine bessere Erinnerungskultur und sie hilft Betroffenen persönlich und direkt mit Rat und Tat.
„Manchmal hilft schon ein Gespräch, weil man sich verstanden und angenommen fühlt. Ich habe selbst ein Kind verloren und kann daher vielleicht besonders gut Eltern mit dem gleichen Schicksal Trost spenden.“
Weitere Teilnehmer waren unter anderem Vertreter des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, des Sozialdienstes und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Wir haben offene Gespräche geführt
“, fasst Birgitt Heidinger die Arbeit ihrer Gruppe zusammen.
„Da ging es nicht um klare Ergebnisse, sondern erst einmal darum, Themen herauszustellen, über die wir uns in der Zukunft vertieft unterhalten wollen.
“
Und davon gibt es schon nach der ersten Runde eine ganze Reihe: angefangen beim dauernden Ruherecht für Soldaten über das Ehrenmal der Bundeswehr bis hin zu Angeboten der Trauerbegleitung speziell für Kinder.
Weitervernetzen, weiterentwickeln
Die zweite Arbeitsgruppe befasste sich mit Betreuungsangeboten für Familienangehörige von Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz. Geleitet wurde sie von Oberstleutnant Tillman von Plüskow aus dem Führungsstab.
Auch hier wurde ein breites Themenspektrum diskutiert: von der Einsatzvorbereitung über den Einsatz selbst bis hin zur Nachbereitung. In allen Phasen soll die Einbindung von Partnern und Familien gestärkt werden, und auch dafür setzen sich bereits viele Gruppen auf unterschiedliche Weise ein.
So engagiert sich die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS) unter anderem auf dem Feld der Familienbetreuung. Mit ihren zurzeit drei „Easy-Trucks“ ist sie im ganzen Bundesgebiet unterwegs, um bei Veranstaltungen, auf Freizeiten und neuerdings auch während der Ferien Kinderbetreuung vor Ort anzubieten.

Ein Angebot, dass die Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit dem Bundeswehr-Sozialwerk und den Familienbetreuungszentren organisiert. Sören Lingenberg vom Vorstand der EAS zieht ein positives Fazit der Gespräche. Es sei gelungen, die Vertrauensbasis untereinander zu stärken.
Almut Kappen, von der Internetplattform „Frau zu Frau online“, die die Angebote der Familienbetreuung durch Informationen, Erfahrungsaustausch und Chats im Internet ergänzt, sagt: „Auf diesem Gebiet muss noch mehr gemacht werden.
“
Sie sei gespannt, wie es in dieser Richtung weitergehe. In puncto Zusammenarbeit kündigte sie an, sich an Aufbau und Gestaltung einer geplanten gemeinsamen Onlineplattform einzubringen.
„Wir haben unseren Horizont erweitern können, haben Brücken erkannt und sind umgekehrt auch von anderen als Partner wahrgenommen worden
“, ergänzte Sören Lingenberg.

Gespräche auf Augenhöhe
Die dritte Arbeitsgruppe zum Thema Unterstützung für einsatzgeschädigte Soldatinnen und Soldaten sowie Reservisten hatten einen ihrer Schwerpunkte beim Thema PTBS.
Unter der Leitung von Brigadegeneral Christoph Munzlinger diskutierten unter anderem Vertreter des Soldatenhilfswerks, des Zentrums Innere Führung und des Bundeswehrverbandes mit Initiativen wie dem Bund Deutscher Veteranen, der Kriegsopfer-Fürsorge und der Gerberding-Stiftung „Courage“, die mit einem gelben Band bundesweit für Solidarität mit Soldaten wirbt.
Es war eine sehr gute Veranstaltung, fasste Brigandegeneral Munzlinger am Ende der Tagung zusammen, „weil sie uns zusammengeführt hat und weil wir uns wirklich in einer partnerschaftlichen und menschlich ausgesprochen angenehmen Art und Weise auseinander gesetzt haben
“.
„Das Zweite, was uns bewusst geworden ist: Gerade in der Unterschiedlichkeit der Partner im Netzwerk der Hilfe, liegt die Möglichkeit flexibel zu reagieren. Und wenn man das voneinander weiß, dann ist das ein riesen Fortschritt.
“
Birgit Klimkiewicz, Initiatorin der „Eisblume“, die sich für Betroffene und Angehörige von PTBS einsetzt, erklärte, dass sie die vielen Gespräche und Eindrücke der Tagung erst einmal sacken lassen müsse. „Man erkennt mein Engagement wohl an. Ich fühle mich wahrgenommen, das ist nicht das Problem
“, sagt sie. Aber es passiere noch viel zu wenig. Sie setzt bei aller Vernetzung weiter auf die Flexibilität und Eigenständigkeit der Initiativen. „Ich erhoffe mir, dass wir für unsere gemeinsame Arbeit eine Organisationsform finden können, ohne dass wir uns eine Verbandsstruktur geben
“, sagt sie.
Nächste Schritte sind geplant
„Ohne Zweifel werden dieser Tagung weitere Veranstaltungen folgen
“, bilanzierte Dr. Schoeps. Diese Veranstaltungen sollten je nach Arbeitsgruppe thematisch eingegrenzt und anhand einer Tagesordnung systematisch abgearbeitet werden. „Diesmal ging es um ein Kennenlernen und die Darstellung der einzelnen Organisationen.
“
Der nächste Schritt: gemeinsam Themenfelder aufzuzeigen und dabei Möglichkeiten einer direkten Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Hilfsinitiativen auszuloten und weiterzuentwickeln.
Das Ziel sei klar: Das Potenzial, das das Netzwerk bereitstellt, das müsse optimal genutzt werden, im Sinne der Hilfe für belastete und bedürftige Menschen in der Bundeswehr. „Das ist unser Ziel und das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.
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