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Als Reservistendienstleistender im Einsatz

Als Reservistendienstleistender im Einsatz

Datum:
Ort:
Lešť
Lesedauer:
5 MIN

Als Reservistendienstleistender zum stellvertretenden Kontingentführer und stellvertretenden Bataillonskommandeur bei der eVAenhanced Vigilance Activities Battle Group Slovakia – der Werdegang von Major Paul G.* zeigt, was in der Reserve der Bundeswehr möglich ist.

Ein Schützenpanzer Puma auf dem Übungsplatz Lešť in der Slowakei

Mit den Panzergrenadieren beim ersten Auslandseinsatz des Schützenpanzers Puma dabei zu sein, ist etwas Besonderes. Durch die Nähe zur aktiven Truppe und stetigen Reservistendienst konnte Major Paul G. im multinationalen Umfeld bestehen.

Bundeswehr/Marco Linke

300 Soldatinnen und Soldaten stehen im Feldlager Šimákov laz in der Slowakei in Reih und Glied. Die fünfte deutsche Rotation der multinationalen enhanced Vigilance Activities Battle Group Slovakia der NATO ist angetreten. Einer steht vor den geschlossenen Reihen, der stellvertretende Kontingentführer Major Paul G. Das Besondere: Major Paul G. ist Reservistendienstleistender.

Nach einer derartigen Karriere bei der Bundeswehr sah es nicht immer aus. Vor mehr als 15 Jahren leistete der im Landkreis Oberhavel geborene Paul G. seinen Grundwehrdienst beim Panzergrenadierbataillon 411 im vorpommerschen Torgelow ab. Er wurde Panzergrenadier – Richtschütze auf dem Schützenpanzer Marder

Anschließend wurde er als Reserveoffizieranwärter in Munster zum Zugführer ausgebildet, kehrte nach Vorpommern zurück und schied als Fahnenjunker aus der Bundeswehr aus. Vier Jahre lang betrat Paul G. keine Kaserne, ließ sich stattdessen zum Rettungssanitäter ausbilden und studierte bis 2012 Kognitionswissenschaften in den USA.

Zehn prägende Jahre

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland erhielt Paul G. eines Tages unvermittelt einen Anruf vom Panzergrenadierbataillon 908. Ein allein durch Reservisten geführter, hoch engagierter Ergänzungstruppenteil des Deutschen Heeres. Überzeugt von deren Ansätzen, entschied sich Paul G. kurzerhand zu einer Stippvisite. Ab 2014 nahm er immer häufiger als Zugführer an Übungen der 908er teil. Mittlerweile zum Hauptmann befördert, besuchte Paul G. 2018 den Lehrgang für Einheitsführer (Kompaniechef-Lehrgang) in Munster.

Im folgenden Jahr übte er erstmals neun Monate am Stück beim „Planungsstab 908“, einer dauerhaft in Übung befindlichen Zelle aus Reservistendienstleistenden im vorpommerschen Viereck. Diese erleichtert den immensen bürokratischen Vorlauf von Übungsvorhaben des Bataillons. „Spätestens jetzt lagen meine zivilen Jobs auf Eis. Die Bundeswehr forderte immer mehr Raum in meinem Leben. Und das gefiel mir äußerst gut“, resümiert G. diese Zeit. Er wurde „aktiver“ Reservist.

Ein Soldat übergibt einem anderen Soldaten einen Wimpel

2023 verließ Major Paul G. (r.) nach zehn Jahren das Panzergrenadierbataillon 908 – hier bei der Übergabe des Kompaniewimpels an den Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Torsten Held

Bundeswehr/Marco Linke

2020 übernahm er die Führung des „Planungsstabs 908“ und erhielt auf diese Weise immer mehr Tuchfühlung mit der aktiven Truppe. Nach jäher Zäsur vieler Übungsvorhaben der 908er durch das Coronavirus übernahm Paul G. zeitweise die Führung der Reservisten des Bataillons. Diese leisteten im Schichtbetrieb über Monate einen großen Beitrag zur Entlastung der aktiven Streitkräfte und zur Bekämpfung der Pandemie – in Gesundheitsämtern, in Alten- und Pflegeheimen, in Impfzentren und nicht zuletzt im Bundeskanzleramt.

2021 wurde er Kompaniechef der 3. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908. Neben seinen diesbezüglichen Verpflichtungen bereitete Paul G. sich mit dem Panzergrenadierbataillon 411 auf den Einsatz in Litauen vor und nahm als Verbindungsoffizier an der elften Rotation der enhanced Forward Presence der NATO zur Sicherung der Ostflanke im Baltikum teil. 

Nach seiner Rückkehr unterstützte er, neben seiner Verantwortung bei 908, die Abteilung Militärische Ausbildungsunterstützung, wurde als Verbindungsoffizier bei der Übung Griffin Lightning und im Kommando Heer eingesetzt. Weiterhin widmete er sich seinem Studium in Philosophie und Kulturwissenschaften und schloss im Zivilleben eine Ausbildung zum Kaufmann für Dialogmarketing erfolgreich ab.

Neue Besen kehren gut

Nach zehn Jahren beim Panzergrenadierbataillon 908 entschied sich Paul G. 2023 schließlich zu einem Schnitt: „Es war an der Zeit, meinen Platz bei 908 freizumachen. Neuen Wind zuzulassen. Denn: Neue Besen kehren gut. Und das in vielerlei Hinsicht.“ Auf eine Dekade bei diesem erstklassigen Verband der Reserve zurückblickend, stellt er klar: „Es war eine geile Zeit! Ich habe 908 in Dankbarkeit, in Demut und mit Stolz verlassen. Der Einsatzwille aller beim Panzergrenadierbataillon 908 geht weit über ,normal‘ hinaus. Weit über alles, was man erwarten darf!“

Ein neues Kapitel wurde alsbald aufgeschlagen, als Major Paul G. der Posten des deutschen stellvertretenden Kontingentführers sowie der des stellvertretenden Bataillonskommandeurs bei der eVAenhanced Vigilance Activities Battle Group Slovakia angeboten wurde. Eine große Herausforderung. Gab es Zweifel? „Selbstverständlich!“, gibt er unumwunden zu. „Aktive“ Reservisten empfinden oft eine gewisse Bringschuld, mindestens genauso viel zu leisten wie aktive Soldatinnen und Soldaten. „Zwar müssen aktive Soldaten verstehen, dass man als Reservist ein anderes Leben führt. Aber für einen selbst darf das nicht gelten. Ich hatte und habe großen Respekt vor dieser Aufgabe.“

Soldat bespricht sich mit zwei anderen, vor ihnen Notizen auf der Motorhaube eines Geländefahrzeugs

Auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Lešť in der Slowakei: Major Paul G. (l.) bespricht sich mit Schiedsrichtern für die Übung Rising Bear

Bundeswehr/Sebastian Nothing

Eine Herausforderung der besonderen Art

Paul G. holte sich Rat bei Kameraden, die bereits ähnliche Positionen bekleidet haben, sprach mit seinen Angehörigen, verschaffte sich ein Lagebild. Durch deren Zuspruch ermutigt und in seinem bisherigen Werdegang gestärkt, ging er das Wagnis schließlich ein. Offen und freundlich beim Panzergrenadierlehrbataillon 92 in Munster empfangen, begleitete er den Kommandeur, Oberstleutnant Woyth Sanchez, mit seinen Grenadieren ins Schieß- und Übungszentrum Panzertruppen. Dort lernte er Kameraden kennen, knüpfte erste Kontakte. Im Oktober 2023 folgte ein erster Besuch im zukünftigen Einsatzgebiet sowie eine persönliche Verbindungsaufnahme mit den multinationalen Teilen der Battle Group Slovakia.

Am 7. Dezember rollten die ersten Schützenpanzer Puma des Panzergrenadierlehrbataillons 92 ins Feldlager Šimákov laz. Auch der Einsatz von Major Paul G. in der Slowakei hatte begonnen. Zu seinen Aufgaben zählen seitdem im Schwerpunkt die Ausbildung der multinationalen Kompanien der Battlegroup sowie die Vertretung des deutschen Kontingentführers auf nationaler und multinationaler Ebene. 

Zwischenbilanz: Bald läuft der Einsatz an der Ostflanke drei Monate. Wie fällt das persönliche Fazit von Paul G. aus? „Ich bin hier vor Ort begeistert von der Leistungsfähigkeit der Bundeswehr und dem sehr hohen Ausbildungsstand unserer Soldaten, vor allem im multinationalen Vergleich. Der Schützenpanzer Puma ist die Zukunft. Er ist ein hochfunktionales Waffensystem und bewährt sich bisher dank der engen Zusammenarbeit mit unseren Instandsetzern tadellos.”

Ein eindrucksvolles Beispiel

Bataillonskommandeur und Kontingentführer Oberstleutnant Woyth Sanchez weiß lobend zu berichten: „Ich habe Major Paul G. während unserer gemeinsamen Zeit beim Kommando Heer kennengelernt. Ich schätze ihn wegen seiner Streitbarkeit, seines Intellekts und seiner Loyalität. Er bringt alles mit, was ich mir von meinem Stellvertreter wünschen kann: Er hat enorm viel Erfahrung im Grenadiergeschäft und im multinationalen Führen. Ebenso brauche ich ihn für den zwischenmenschlichen Aspekt. Als Ansprechpartner für die innere Führung des Kontingents. Er schlägt sich auf allen Ebenen wirklich hervorragend.“ 

Der Werdegang von Major Paul G. ist somit ein gutes Beispiel dafür, was man mit persönlichem Anspruch, kombiniert mit Leistungswillen, in der Reserve der Bundeswehr zu erreichen imstande ist.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Marco Linke

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