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Einblick: Ein Einsatz verändert die Bundeswehr

Berlin, 26.01.2012.
Gefallene, Verwundete, Krieg, Veteranen – Wie kein anderer Einsatz zuvor, hat der Afghanistaneinsatz die Bundeswehr geprägt. Mit dem Engagement am Hindukusch wird sie endgültig zu einer Armee im Einsatz.

Soldaten tragen verletzten Kameraden in Hubschrauber

Konfrontation mit Verwundung und Tod (Quelle: Bundeswehr/Berns)Größere Abbildung anzeigen

Als der Deutsche Bundestag im Dezember 2001 das Mandat für den Einsatz in Afghanistan beschloss, blickte die Bundeswehr erst auf wenige Jahre Erfahrung mit Auslandseinsätzen zurück. Die Einsätze auf dem Balkan waren die ersten größeren Einsätze deutscher Streitkräfte im Rahmen von friedenserhaltenden und -sichernden Maßnahmen.

Ähnlich wie in Bosnien-Herzegowina und Kosovo auch, sollte der Auftrag des deutschen ISAF-Kontingents sein, nach dem Ende des Krieges den Frieden zu erhalten und den Wiederaufbau des Landes militärisch abzusichern. Auch in der Bevölkerung wurde das Engagement am Hindukusch zunächst vor allem als friedlicher Stabilisierungseinsatz wahrgenommen.

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Gefallen im Gefecht

Tatsächlich verliefen die ersten Jahre in Afghanistan weitgehend friedlich. Im Gegensatz zu den Verbündeten in den südlichen und östlichen Provinzen blieb die Bundeswehr, die im Norden die Verantwortung übertragen bekam, von Kämpfen mit den zurückkehrenden Taliban zunächst verschont. Doch durch die Offensiven der Amerikaner und Briten im Süden und Osten wichen Aufständische ins deutsche Regionalkommando Nord aus. Dort entwickelt sich die Provinz Kundus zum Aufstandsgebiet.

Ab 2007 wurde die Bundeswehr immer häufiger in Hinterhalte und Gefechte verwickeln. Der am 29. April 2009 bei einen Hinterhalt bei Kundus getötete 21-jährige Hauptgefreite Sergej Motz war der erste Soldat in der Geschichte der Bundeswehr, der in einem Gefecht fiel. Er war es auch, dem 2010 – posthum – als erster die von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gestiftete Einsatzmedaille der Stufe „Gefecht“ verliehen wurde.

Immer mehr Soldaten erlebten Gefechte, wurden mit Verwundung und Tod konfrontiert. Mit dem zwei Jahre zuvor von Verteidigungsminister Franz-Josef Jung gestifteten Ehrenkreuz für Tapferkeit spiegelt sich in den neuen Auszeichnungen der Bundeswehr die veränderte Einsatzrealität der Soldaten wider. Die Bundeswehr will damit die Soldaten angemessen würdigen, die in ihren Einsätzen mit Gefechten und terroristischer und militärischer Gewalt konfrontiert werden.

Kameraden tragen den Sarg eines gefallenen Bundeswehrsoldaten

Die Gesellschaft muss sich zunehmend mit dem Tod von Soldaten auseinandersetzen (Quelle: Bundeswehr/Winkler)Größere Abbildung anzeigen

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Gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Einsätzen

Auch die deutsche Gesellschaft muss sich mit dem Tod deutscher Soldaten neu auseinandersetzen. Begriffe wie „gefallen“ und „verwundet“ finden wieder Eingang in den Sprachgebrauch, nachdem sie zuvor vor allem im Zusammenhang mit den Toten der beiden Weltkriege verwendet wurden. Dies gilt auch für das Wort „Veteranen“ als Bezeichnung für Soldaten, die in ihren Einsätzen Gefechte und Todesgefahr durchstehen müssen.

Eine weitere Belastung der Soldaten wird das aus ihrer Sicht fehlende Interesse und Verständnis großer Teile der Bevölkerung für den Einsatz. Angesichts der täglichen Bedrohung durch Anschläge und Gefechte betrachten viele die Debatten in der Heimat um die Frage, ob es sich um einen Stabilisierungs- oder Kriegseinsatz handele, mit Befremden. Abseits der politischen Debatten über den Sinn des Engagements fordern die Soldaten, die sich fern der Heimat in Lebensgefahr begeben und monatelang von ihren Familien getrennt sind, Anerkennung und Rückhalt für ihren Einsatz.

Mit den Einsatztoten wächst die Forderung nach einer neuen Erinnerungskultur. So wird auf Initiative des früheren Verteidigungsministers Franz-Josef Jung das zentrale Ehrenmal der Bundeswehr geschaffen. Streitkräften und Gesellschaft wurde am Verteidigungsministerium in Berlin ein Ort gegeben, an dem sie der Soldaten und zivilen Angestellten gedenken, die ihr Leben in Folge der Ausübung ihrer Dienstpflichten für die Bundesrepublik Deutschland verloren haben.

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Versorgung von Einsatzversehrten

Der Umgang mit Soldaten, die im Einsatz schwer verwundet werden, verläuft in den ersten Jahren des Einsatzes nicht reibungslos. Für die Einsatzversehrten erweisen sich die Verwaltungsstrukturen der Bundeswehr als zu schwerfällig. Auch sie müssen sich auf die neuen Anforderungen einstellen. Für versehrte Soldaten ist die Anerkennung ihrer Schädigung oft noch ein zäher Kampf mit der Bürokratie.

Mit neuen Gesetzen wurde die Versorgung der Einsatzgeschädigten und der Hinterbliebenen verbessert. So wurde 2007 das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz auf den Weg gebracht, das auch nach einer schweren Verwundung im Auslandseinsatz berufliche Perspektiven eröffnet und unter Umständen einen Anspruch auf dauerhafte Weiterbeschäftigung beim Bund vermittelt.

Das im vergangenen Jahr beschlossene Gesetz zur Verbesserung der Versorgung bei besonderen Auslandsverwendungen ist ein weiterer wichtiger Schritt, dass Bundeswehrangehörige, die in einem Auslandseinsatz verwundet werden oder fallen, sowie ihre Familien noch besser versorgt werden. „Pflichterfüllung von Soldaten und Fürsorgepflicht des Dienstherren müssen einhergehen und sind zwei Seiten derselben Medaille“, so Verteidigungsminister Thomas de Maizière.

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Konfrontation mit seelischen Verwundungen

Dabei muss die Bundeswehr erkennen, dass es nicht nur die sichtbaren Verletzungen sind, die die Soldaten treffen können. Mit zunehmender Gefährlichkeit des Einsatzes nehmen auch die psychischen Erkrankungen bei Soldaten zu, die im Einsatz waren. Diese müssen vor allem in den ersten Jahren um Anerkennung ihrer seelischen Verwundungen kämpfen.

Es sind Erfahrungen, die andere Bündnisarmeen seit Jahren kennen und mit denen die Bundeswehr lernen muss umzugehen. Immer mehr Soldaten kehren traumatisiert aus den Einsätzen zurück. Doch anfangs fehlt es der Bundeswehr an ausgebildeten Fachkräften, die sich mit Einsatztraumata auskennen.

Die steigende Zahl von Soldaten mit einer Posttraumatischem Belastungsstörung führt allmählich dazu, dass offener mit dem Thema umgegangen wird: PTBS ist eine Verwundung der Seele, die jeden Soldaten treffen kann, unabhängig vom Dienstgrad. Die Bundeswehr baut Kompetenzzentren auf, die sich auf die psychische Gesundheit von Soldaten spezialisieren. Die Krankheit PTBS erfährt auch in den Medien erhöhte Aufmerksamkeit und wird für breite Bevölkerungsteile ein Begriff. In Bücher, Reportagen, Spielfilmen und sogar in Krimis wird PTBS thematisiert.

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Neues Berufsbild des Soldat

Zehn Jahre Afghanistan haben die Bundeswehr verändert. Der jahrelange Einsatz in der Ferne deckt auch Defizite auf. Sie muss Ausbildung und Strukturen an die schwieriger werdenden Anforderungen anpassen und die Transformation zu einer Armee im Einsatz meistern – ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Der Einsatz prägt nicht zuletzt die Soldaten, die sich für mehrere Monate fern von zu Hause in Lebensgefahr begeben sowie tausende Familien in Deutschland, die um ihrer Söhne, Töchter, Väter und Mütter bangen. Das Berufsbild des Soldaten hat sich verändert. Der frühere Leitsatz „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“, ist angesichts der Einsatzrealität nicht mehr angemessen. Für die Soldaten der „Generation Einsatz“ gehört das Kämpfen, die Konfrontation mit Tod und Verwundung zum Soldatenberuf.

Zwei Soldaten mit G36 im Gefecht

Bundeswehr im Gefecht. Der Afghanistaneinsatz prägt das Berufsbild des Soldaten (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Jan Rippl


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