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„Es stehen harte Wochen bevor“

Masar-i Scharif, 29.12.2010.
Im Juni 2010 übernahm Generalmajor Hans-Werner Fritz die Führung über das Regionalkommando Nord (RC North) der ISAF-Truppen in Afghanistan. Rund 11.000 Soldaten aus verschiedenen Nationen stehen unter seinem Kommando. Im Interview spricht er über den Strategiewechsel in Afghanistan und blickt auf das Jahr zurück.

Hans-Werner Fritz im Porträt

Seit Juni 2010 Kommandeur des RC North: Hans-Werner Fritz (Quelle: Bundeswehr/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

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Herr General, in diesem Jahr hat sich ein Strategiewechsel in Afghanistan vollzogen, der im Februar 2010 beschlossen wurde. Was hat sich hier im Regionalkommando Nord verändert?

Der Strategiewechsel bezieht sich ja im Wesentlichen auf die Umsetzung der Operationslinien Sicherheit, gute Regierungsführung und Entwicklung. Das hat hier bei uns einen unmittelbaren Niederschlag dergestalt gehabt, dass das Regionalkommando Nord zu einem Zwei-Sterne-Hauptquartier umgeformt und dass innerhalb dieses Hauptquartiers die zivile Komponente deutlich gestärkt worden ist.

Das ist insofern wichtig, weil es dieser vernetzte Ansatz notwendig macht, in dem Moment, wo man eine militärische Operation plant, sich zeitgleich weiterführende Gedanken zu machen: Wie können wir diese Operationslinie weiterverfolgen im Bereich guter Regierungsführung und Administration bei gleichzeitiger Entwicklung. Es geht also darum, möglichst schnell kleine Projekte auf den Weg zu bringen und sich Gedanken zu machen, wie dies mit mittel- und langfristigen Projekten weitergeführt werden kann.

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Hier in Nordafghanistan wurden die ISAF-Truppen deutlich verstärkt. Welche Fähigkeiten haben Sie hinzugewonnen? In welcher Hinsicht können Sie jetzt anders vorgehen?

Wir haben innerhalb des vergangenen halben Jahres die Truppen im Bereich des Regionalkommandos Nord mehr als verdoppelt. Ich habe jetzt rund 5.000 deutsche Soldaten unter meinem Kommando, ich habe 5.000 Amerikaner und etwa 1.500 Soldaten aus weiteren Nationen. Das gibt mir immense Möglichkeiten.

Die Amerikaner haben beispielsweise die Masse einer Kampfhubschrauberbrigade mitgebracht. Bei der Größe unseres Operationsgebietes, das etwa halb so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, ist das natürlich eine enorme Fähigkeit, die uns zugewachsen ist. Das heißt, ich kann jetzt in der Operationsführung viel intensiver operieren und ich kann in Regionen hineingehen, in Bereiche, in die wir vorher nicht hineingehen konnten.

Auch national haben wir uns verbessert: die Einsatzbereitschaft der Panzerhaubitzen, aber auch des Heron, hat unser Fähigkeitsspektrum deutlich erweitert. Zudem unterstehen mir die beiden Ausbildungs- und Schutzbataillone unmittelbar. Kurzum: Die Klaviatur, die mir nun zur Verfügung steht, ist deutlich breiter geworden.

Ein Soldat weist eine Panzerhaubitze ein

Teil neuer Fähigkeiten: Panzerhaubitze 2000 in Kundus (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den internationalen Truppen, insbesondere mit den US-Truppen?

Ich bin sehr, sehr zufrieden. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass wir hier eine Situation haben, in der erstmals durch einen deutschen Kommandeur amerikanische Kräfte im Einsatz geführt werden. Das ist völlig neu und ich muss Ihnen wirklich sagen: Ich kann meine amerikanischen Kameraden aber auch den anderen Soldaten nur ein großes Kompliment machen, wie hervorragend das klappt.

Die Kooperation ist sehr, sehr gut. Jeder bringt ein, was er kann – nach besten Kräften und mit allen Möglichkeiten. Der Mix, den wir damit erzielen, ist ein sehr guter, der uns ganz sicherlich auf dem gemeinsamen Weg ein deutliches Stück nach vorne gebracht hat.

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Stichwort Partnering – ein Reizbegriff, der häufig kritisiert wurde. Hat sich aus Ihrer Sicht diese neue Vorgehensweise ausgezahlt?

Das Partnering – das heißt die unmittelbare Zusammenarbeit mit unseren afghanischen Freunden und Partnern – ist ein Bereich in dem wir große Fortschritte gemacht haben. Insofern ist die Kritik, die gelegentlich in den Medien zu hören war, für mich eigentlich kaum nachvollziehbar.

Die Afghanen sind erstens kooperationswillig, zweitens sind sie ausgesprochen lernfähig. Wenn ich sehe, was wir zurzeit in konkreten Operationen – wo geschossen wird, wo es um Leben und Tod geht – mit den Afghanen zusammen machen, ist das schon bemerkenswert.

Wir planen alle Operationen gemeinsam mit den Afghanen – von der Korpsebene hier im Regionalkommando beginnend, über die Brigadeebene, Bataillons- und Kompanieebene. Unsere Soldatinnen und Soldaten kämpfen buchstäblich Schulter an Schulter mit den Afghanen. Insofern, denke ich, ist das Partnering der richtige Weg, zumal wir uns hier in ihrem Land befinden, und es letztlich um ihre Sicherheit und ihre Zukunft geht.

Man darf nie vergessen: Hier kommen zwei völlig unterschiedliche Kulturbereiche zusammen. Das fängt mit der Sprache an, das geht über bestimmte Verhaltensweisen, am Ende geht es aber um Vertrauen. Und das ist hergestellt.

Ausbildung waffenlose Selbstverteidigung und Abführgriffe durch deutsche Feldjäger

Gemeinsam im Einsatz: Deutsche und afghanische Kräfte (Quelle: Bundeswehr/Frank)Größere Abbildung anzeigen

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Wie haben die Aufständischen auf die veränderte Vorgehensweise, beziehungsweise auf den erhöhten Druck der ISAF-Truppen reagiert?

Ich denke, dass sie den Druck sehr wohl spüren. Ich bin wirklich der Auffassung, wir nähern uns, was die Sicherheitslage angeht, einem Kulminationspunkt. Damit meine ich, die Aufständischen haben begriffen, dass es ihnen wirklich an den Kragen geht.

Wir merken es an vielen Reaktionen: Sie handeln zunehmend rabiater, vermehrt auch verzweifelter. Es gibt politische Morde in einer Moschee während eines Freitagsgebets. Da muss ich sagen, wenn die Taliban dann noch der Bevölkerung weismachen wollen, dass sie Freunde der Muslime sind, dann ist das nicht vermittelbar.

Also der Druck, dem sie sich ausgesetzt sehen, ist sehr, sehr groß. Das hat auch einen positiven Effekt: Wir haben ja das sogenannte Integrationsprogramm. Und viele von den Taliban strecken jetzt die Waffen und sagen: „Wir wollen nicht mehr. Wir haben gemerkt, es hat keinen Sinn, wir geben auf. Wir wollen in die Gesellschaft zurück.“ Das heißt, das Zusammenspiel, das wir haben, zwischen militärisch Druck aufbauen auf der einen und die Hand reichen auf der anderen Seite, um zu sagen: „Willkommen, wenn Ihr die Waffen niederlegen wollt, wenn Ihr in die Gesellschaft zurück wollt.“ – das ist genau der richtige Mix, den wir brauchen. Das ist die richtige Taktik.

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Wenn Sie auf das Jahr 2010 zurückblicken, seit Sie das Kommando im Regionalkommando Nord übernommen haben, welche Bilanz ziehen Sie?

Wir können auf eine gute Bilanz zurückblicken. Wir können auch verhalten optimistisch sein, aber wir sind noch nicht am Ende unseres Weges. Es stehen uns noch harte Wochen und Monate bevor. Ich glaube, dass das Jahr 2011 ein entscheidendes Jahr wird. Was die Erfolge angeht, können wir auf das Jahr 2010 zufrieden zurückblicken.

Was mich jedes Mal sehr betroffen macht – ich bin multinationaler Kommandeur – was mich sehr traurig macht, sind verwundete Soldaten, von denen wir leider eine sehr große Anzahl haben und natürlich unsere gefallenen Kameraden. Es sind ja nicht nur deutsche Soldaten, die ihr Leben verlieren. Das sind Amerikaner, das sind Ungarn, das sind Norweger, das sind Schweden. Das ist leider eine große Zahl. Und in dieses große Bedauern schließe ich auch ausdrücklich alle afghanischen Soldaten und Polizisten ein, die ihr Leben verlieren.

Dennoch: Auf das Geleistete kann ich, können wir, ausgesprochen stolz sein. Ich wünsche allen Soldatinnen und Soldaten im Regionalkommando Nord einen erfolgreichen Einsatz, einschließlich einer gesunden Rückkehr zu ihren Familien und Freunden.

Das Gespräch führte Jan C. Rippl.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Jan C. Rippl


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