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Übung im Einsatz: MASCAL EX im Camp Marmal

Mazar-e Sharif, Afghanistan, 04.01.2016.
Ein Massenanfall von Verletzten, im NATO-Code MASCAL genannt, beschreibt ein Ungleichgewicht von vorhandenen Mitteln gegenüber einer Anzahl von Verletzten und Verwundeten. Das bindet viele Kräfte und erfordert eine reibungslose Koordination. Um diese Fähigkeit zum Umgang mit einer solchen Situation im Einsatz auf einem hohen Niveau zu halten, wird dieses Szenario regelmäßig geübt.

Verletzter Soldat am Telefon

Notruf: „In der Flughafen-Halle hat es eine Explosion gegeben! Wir haben viele Verletzte! Helft uns!“ (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

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Ein Anruf: Lageänderung – MASCAL!

Ein strahlend schöner Winternachmittag im Camp Marmal: Die Sonne scheint, aber es ist bitter kalt. Die nahen Berge sind schneebedeckt, der Himmel ist blau. In einer Flughafen-Halle im Camp Pratt – in unmittelbarer Nachbarschaft – ist ein Unglücksfall mit Explosion, Feuer und knapp 20 verletzten Soldaten dargestellt. Soldaten sind als Darsteller mit Verletzungen aller Art präpariert – vom Schwerstverletzten bis hin zum einfachen Armbruch. Ein Anruf geht ein: „In der Halle in Camp Pratt gab es eine Explosion! Wir sind verletzt! Helft uns!“ – Geschrei im Hintergrund – der Anrufer verliert das Bewusstsein. Der Notruf ist abgesetzt.

Oberfeldwebel Mathias Z. ist einer der Darsteller. Er erzählt, wie er den Ablauf der Rettung erlebte: „Ich stelle für die Übung einen Leichtverletzten mit gebrochener Hand dar. Ich konnte gehen, hatte Schmerzen, stand unter Schock. Und ich sollte den anrückenden Rettungskräften gemeinsam mit einem schwerer verletzten mongolischen Kameraden entgegen laufen.

Feuerwehrleute retten verletzte Soldaten

Die Feuerwehrkräfte bringen die Verletzten nach draußen zu den Sanitätern. (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

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Rettung naht

Die Feuerwehr aus dem Camp Marmal rückt im Camp Pratt an. Erste Verletzte laufen den Feuerwehrmännern entgegen, sie nehmen sich ihrer an – aber um Leben zu retten, hat das Feuer zunächst Priorität! Mit schwerem Atemschutzgerät geht die Feuerwehr vor und beginnt ihren Löschangriff. Schnell ist das Feuer unter Kontrolle und die Männer rücken in die verrauchte Flughafenhalle ein. Hier bietet sich ihnen ein realistisch dargestelltes Schreckensbild: In einem Durcheinander von Tischen und Stühlen liegen Schwerstverletzte, schreien, winden sich. Leichtverletzte laufen schreiend umher. Behutsam und professionell greifen die Feuerwehrmänner zu – einen nach dem anderen tragen oder führen sie aus der Halle heraus.

Wir rannten den Feuerwehrleuten entgegen“, erzählt Oberfeldwebel Z. „Die hatten aber zu tun und dirigierten uns weiter. Zu den Sanis. Mein mongolischer Kamerad und ich, wir schrien, was wir konnten. Die Sanis mussten sich erstmal einen Überblick verschaffen. Deswegen wurden wir vor einem Fahrzeug gesammelt und blieben scheinbar unbeachtet.“ Oberfeldwebel Z. grinst. „Der mongolische Kamerad war ja so schön mit Übungsblut bemalt und stellte die Schmerzen so gut dar – ich bekam einen Tourniquet zugeworfen und legte ihm den an. ‚Rettung ist da, ich bin bei dir‘, was man halt so sagt. Hätte ich im echten Notfall ja auch nicht anders gemacht.“

Soldat begutachtet eine verletzte Soldatin

Jeden Verletzten teilt der Medical Incident Officer (MIO) in eine von drei Kategorien ein. (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

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Rettungskette – Erstversorgung am Verwundeten-Sammelplatz

Der Mobile Arzttrupp ist bereits vor der Flughafenhalle eingetroffen. Er nimmt sich der Verletzten an. Das Verfahren nennt sich „Triage“: Nach einer ersten Sichtung der Verletzungen teilt der Arzt die Verletzten in drei Kategorien ein. Mit einer roten Karte (T1) werden die Schwerstverletzten markiert, gelb (T2) bekommen die mittelschweren Fälle und grün (T3) die Leichtverletzten. Auch achten die Sanitäter streng darauf, die drei Kategorien von Verletzten voneinander zu trennen: Der Leichtverletzte bei Bewusstsein soll den Schwerstverletzten, dessen Bein abgerissen ist, nicht sehen. Auch werden die Verletzten an Sammelplätzen bereits so positioniert, dass sie später leicht von den Krankentransportern aufgenommen werden können.

Etwas später rollt der MASCAL-Zug mit seinen geschützten Sanitätsfahrzeugen an. Auch die Feldjäger sind dabei. Sie werden vom Camp Security Officer, Oberleutnant Florian R., in die Lage eingewiesen. Unterdessen begutachtet der Medical Incident Officer Oberstabsarzt Dr. Florian J. weitere Verletzte, die von der Halle aus heran gebracht werden. Sie alle werden ebenfalls kategorisiert und entsprechend ihren Verletzungen auf die Verwundeten-Sammelplätze verteilt. Diejenigen, die am schwersten verletzt sind, werden von den Soldaten des MASCAL-Zuges für den Transport vorbereitet.

Uns Leichtverletzte hatte man an einem Platz versammelt“, erzählt Oberfeldwebel Z. „Wegen des starken Windes gab man uns Alu-Decken, aber der Wind wehte sie wieder weg. Da niemand vom Rettungsteam bei uns blieb, fühlten wir uns ziemlich allein.“ So kam Oberfeldwebel Z. auf eine Idee: „Schockpatienten handeln ja unberechenbar. Also stand ich – zunächst unbemerkt – auf und lief einfach weg. Einfach auf das leere Flugfeld drauf los. Als ich etwa 100 Meter gelaufen war, holte mich der Camp Security Feldwebel, Hauptfeldwebel Stefan H., ein und brachte mich zum Verwundeten-Sammelplatz zurück. Er erkannte, dass ich als Darsteller ein Schockpatient war und sprach mir beruhigend zu.

Verletzter Soldat wird in Tranportpanzer verladen

Der erste Verletze wird vom Krankentransportzug – auch MASCAL-Zug genannt – auf den Transportpanzer geladen: Abtransport ins Feldlazarett. (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

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Transport im gepanzerten Krankenwagen

Der MASCAL-Zug hat nun die Verletzten nach der Schwere ihrer Verletzungen aufgereiht zum Abtransport ins Camp Marmal. Dem einen oder anderen Verletzten wird noch eine Infusion gelegt. Ein gepanzertes Sanitätsfahrzeug nach dem anderen rollt nun an den Verwundeten-Sammelplatz und nimmt je einen Verletzten auf. Diese geschützten Sanitätsfahrzeuge, die zum Krankentransport eingesetzt werden, sind im Inneren ausgerüstet wie ein moderner Krankenwagen. Bei dem geringen Platzangebot im hinteren Raum ihres Panzers können die Sanitäter nur einen Verletzten transportieren. Zusätzlich sind diese besonderen Krankenwagen auch bewaffnet: Sie sind zur Selbstverteidigung mit einem Maschinengewehr auf Drehring-Lafette ausgerüstet.

Während des Transports ist immer ein Sanitätsfeldwebel bei dem Verletzten. Ärztliche Behandlung während der Fahrt kann aus verständlichen Gründen nur eingeschränkt stattfinden, denn in hohem Tempo geht es nun los, Richtung Camp Marmal, wo sich das Feldlazarett bereits auf die Ankunft und weitere Versorgung der verletzten Soldaten vorbereitet hat.

Weil die Leichtverletzten in der Triage der Kategorie 3 zugeordnet waren, wurden wir zuletzt abtransportiert – in einem normalen Kleinbus, nicht gepanzert. Das war vielleicht eine Übungskünstlichkeit“, vermutet Oberfeldwebel Z. „Durch das MASCAL-Zelt vor dem Feldhospital wurden wir nicht geschleust, schade, das hätte mich interessiert. Wir wurden stattdessen in ein anderes Gebäude gebracht, wo sich kroatische Sanitäter unserer Üb-Verletzungen annahmen. Aber ich glaube, sie mussten ihr Hauptaugenmerk bald darauf legen, dass wir alle froren wie die Hunde und sie uns wieder warm bekommen mussten.

Soldaten bringen verletzten Kameraden ins Feldlazarett

Im Laufschritt wird der Verwundete ins Feldlazarett gebracht wo bereits Ärzte im Emergency-Room warten. (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

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Ankunft im Feldlazarett – hochkarätige Verletztenversorgung

Die Krankentransporter fahren vor dem Feldlazarett „Oberstabsarzt Dr. Thomas Broer“ vor (Das Feldlazarett im Camp Marmal ist nach dem am 15. April 2010 im Einsatz gefallenen Oberstabsarzt benannt). Hier werden die Verletzten ausgeladen und durch das MASCAL-Zelt geschleust, wo vor der Aufnahme Oberstarzt Dr. Matthias J. jeden Verletzten nochmals begutachtet und in die jeweiligen Klinikbereiche einweist.

Rufe wie „Der hat drei Tourniquets und ein amputiertes Bein!“ schallen durch das Zelt und machen deutlich: Hier ist Eile geboten. Doch Oberstarzt Dr. J. ist Profi. Er lässt keinen durch, ohne dass er sich nicht einen Überblick verschafft und eine vorläufige Diagnose erstellt hat.

Die erste Station für jeden angekommenen Verletzten ist der Schockraum. Hier findet die erste medizinische Versorgung statt, hier wird die Diagnose verfeinert. Die Schwerstverletzten dagegen kommen in einen der Emergency Rooms, wo eine noch höherwertige medizinische Ausrüstung zur Verfügung steht – so kann hier beispielsweise sofort eine Sonographie durchgeführt werden. Einen der Schwerstverletzten bringt das Sanitätspersonal auf der Trage zur direkt nebenan liegenden Computer-Tomographie.

Immer wieder werden weitere Verletzte gebracht. Jeder wird sofort im Schockraum von mehreren Sanitätern in Empfang genommen und mit Sofortmaßnahmen versorgt: Brüche werden stabilisiert, Blutungen gestillt, Infusionen gelegt. Es fällt sofort ins Auge: Die Abläufe im Krankenhaus sind gut eingespielt.

Das Sanitätspersonal hüllt alle Verletzten über ihre verletzungsangepasste Behandlung hinaus in verschiedenste Wärmedecken: Zur empfindlichen Kälte wehte draußen ein starker Wind – und Auskühlung gilt ebenfalls als eine Verletzung, die behandelt werden muss.

Schließlich wurden wir ebenfalls zum MASCAL-Zelt gebracht, nachdem dort die schwerer verwundeten Kameraden bereits durch waren. Zunächst wurden wir entwaffnet. Trotz der Wärmedecken zitterten wir immer noch. Diese Kälte im ganzen Körper zehrte die Kräfte auf. Dann wurde mir auf einmal richtig schlecht“, erzählt der Oberfeldwebel. „Der Arzt im Zelt sah das sofort und so war ich plötzlich kein Üb-Verletzter mehr, sondern ein realer Fall. Sofort wurde ich ins Feldlazarett gebracht, vorbei an den ganzen Übungsverletzten. Ich kam in denselben Schock-Raum, wie die anderen, wurde dort jedoch auf eine extra freigehaltene Liege gelegt und behandelt. Ich wurde in eine aufblasbare Wärmedecke gewickelt – und ich spürte sofort, wie die Wärme meinen Körper durchströmte. Der Arzt sagte, ich wäre ganz schön unterkühlt.

Verletzte Soldaten werden im Schockraum behandelt

Im Schock-Raum werden mehrere Verwundete gleichzeitig behandelt. Sie sind hier in den besten Händen. (Quelle: Bundeswehr/Hoffmann)

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Zur Intensiv-Station und zum Verbandsplatz

Je nach Schwere der Verletzung führt der Weg für die Soldaten im Feldlazarett in verschiedene Richtungen. Während der Schwerstverletzte aus der Computer-Tomographie nun in die Intensivstation gebracht wird und die mittelschweren Fälle nach der Behandlung im Schockraum in die Krankenzimmer gebracht werden, kommen die Leichtverletzten zum Verbandsplatz. Das Übungsblut auf dem Tisch spricht Bände: Ein Knochenbruch gilt hier als leichte Verletzung!

Um mich herum tobte die Übung, doch die Sanitäter ließen mich nicht aus den Augen. Ich bekam sogar eine Infusion gelegt. Ein Arzt sagte mir, man werde mich die Nacht über zur Beobachtung im Feldlazarett behalten“, berichtet Oberfeldwebel Z. „Es dauerte nicht lange, und man brachte mich in einem Krankenbett auf die Pflegestation. Hier war Ruhe, von der immer noch laufenden Übung bekam ich hier nichts mehr mit. Stündlich wurde meine Körpertemperatur überprüft – ich hatte das Gefühl, sie stieg nur sehr langsam wieder auf Normal-Niveau.“ Der Oberfeldwebel machte aufgrund seines realen Ausfalls eine Erfahrung, die ihm sonst vorenthalten geblieben wäre: „Das Engagement der Sanitäter und die Ausstattung des Feldlazaretts haben mich beeindruckt. Das ist ja wie ein Kreiskrankenhaus, nur moderner.“ Er lacht: „Die haben sogar Zahnbürsten, auf denen die Zahncreme schon drauf ist. Sowas habe ich noch in keinem zivilen Krankenhaus gesehen.

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Durch Übung die Fähigkeiten auf hohem Niveau halten

Eine erste Auswertung der Übung zeigt: Die Abläufe zur Rettung bei einem Massenanfall von Verletzten funktionieren und das Personal arbeitet professionell. Die Multinationalität der Sanitätseinheiten und des Feldlazaretts wird nur durch die unterschiedlichen Nationalitätenkennzeichen an den Uniformen der Sanitätssoldaten sichtbar – in den eng ineinander verzahnten Abläufen dagegen fällt sie nicht ins Gewicht. Zum Selbstverständnis der Teams – vom Krankentransport bis zur klinischen Versorgung – gehört es, eine solche Übung auch zu nutzen, um gegebenenfalls eigene Abläufe zu optimieren. Das Sanitätspersonal hat einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und bringt neben seinem hohen fachlichen Können auch eine menschliche Qualität mit: Kein Verletzter bleibt seinem Schicksal überlassen. Das Übungsziel ist erreicht.

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Stand vom: 04.01.16 | Autor: Philipp Hoffmann


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