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Der Afghanistan-Blog der Pioniere

Fennek-Spähtrupp und ein grasendes Kamel
Der Spähwagen Fennek ist das Fahrzeug der Pioniererkunder in Afghanistan (Quelle Bundeswehr/Schick)Größere Abbildung anzeigen

Nordafghanistan, 22.11.2012.
Als Pioniererkunder sind Oberleutnant Erik, Stabsunteroffizier Marc, Hauptfeldwebel Christian und Oberleutnant Thorsten im Afghanistan-Einsatz meist ganz vorne dabei. Sie suchen nach Sprengfallen und überprüfen die Befahrbarkeit von Straßen und Wegen.

Aufgeteilt auf zwei Trupps – Thorsten, Christian und Mark im Trupp 1, Erik mit zwei weiteren Soldaten im Trupp 2 – sind sie im Spähwagen Fennek unterwegs. Wann immer es geht, bloggen sie außerdem für bundeswehr.de.


20. November: Landeskunde einmal anders

Grüne Landschaft mit Blick auf Gebirge
Tapetenwechsel für unsere Blogger: Vom trockenen OP North ins grüne Sherberghan (Quelle: Bundeswehr/Söhnen)Größere Abbildung anzeigen

Erik (Trupp 2):

Nach sechs Wochen im Einsatz und einem recht monotonen Alltag im OP North gab es für meinen Erkundungstrupp und mich nun einen Auftrag, der uns quer durch den Verantwortungsbereich des Regional Command North führen sollte. Zunächst stand die Fahrt ins 70 Kilometer entfernte Provincial Reconstruction Team (PRT) Kundus an. Dabei wurden wir von unseren eigenen Panzerpionierkräften sicher begleitet. In Kundus lernten wir weitere Kameraden kennen, mit denen wir zusammenarbeiten werden.

Dies waren zum einen Soldaten aus einer Panzerpioniergruppe, zum anderen aus einer Pioniermaschinengruppe, welche bereits verschiedenste Geräte und Material vorbereitet hatten. Unser gemeinsamer Auftrag sollte es nämlich sein, norwegische Kameraden bei ihrer Rückverlegung aus Meymanah, ganz im Westen des Verantwortungsbereiches, nach Masar-i Scharif pioniertechnisch zu unterstützen.

Dafür hatten wir in einem achtstündigen Landmarsch zu planen, der ausgerechnet an meinem Geburtstag beginnen sollte. Zunächst von Kundus ins 180 Kilometer entfernte Masar-i Scharif und nach Zwischenübernachtung weitere 132 Kilometer ins westlich gelegene Sherberghan. Wir verbrachten die Nacht im Camp Marmal, wo ich bei der Abendbesprechung von unseren Pionierkameraden, die bei den Versorgungskräften im Camp geblieben sind, mit einer großen Geburtstagstorte überrascht wurde. So kam für mich zumindest ein wenig Geburtstagsfeeling auf.

Am kommenden Tag fuhren wir weitere vier Stunden nach Sherberghan ins Camp Monitor. Dabei schränkten uns die Demonstrationen im Stadtgebiet von Masar-i Scharif so ein, dass wir eine „Umgehung“ fahren mussten, die viel Zeit kostete.

Das Camp Monitor steht unter amerikanischer und schwedischer Leitung, und dies hieß für mich und meine Kameraden, unsere Englischkenntnisse unter Beweis zu stellen. Persönlich fand ich das nicht schlecht, da nichts mehr übt als das Sprechen. Dies fiel mir von Tag zu Tag, während unseres Aufenthaltes, leichter, da wir sehr offen und freundschaftlich von den Kameraden aufgenommen wurden. Abends schauten wir zusammen britische Fernsehdokumentationen oder planten Besuche in Deutschland.

Wir fuhren zur Vorbereitung auf unseren Auftrag auch eine Erkundungspatrouille bis Andkhoy mit Unterstützung schwedischer Sicherungskräfte. Denn wäre es während des Marsches der norwegischen Kräfte zu Problemen auf dem Highway One gekommen, hätten wir den Auftrag gehabt, sie als Pioniere zu unterstützen.

Das Essen, die Unterbringung und die Sportmöglichkeiten waren sehr gut, aber wir kamen ja mehr oder weniger direkt vom OP North und waren daher nicht sehr verwöhnt. Vier Kameraden war es sogar möglich, mit Hilfe des Kompaniechefs der amerikanischen Kameraden einen „Rundflug“ im Hubschrauber zu bekommen, da deren Piloten Flugstunden brauchten. Am Ende verlief der Marsch der Norweger ohne Zwischenfälle und wir fuhren zurück ins Camp Marmal.

Im Camp angekommen, und nach abgeschlossener Nachbereitung, gaben wir einen Tag später unseren Spähwagen Fennek ab, da dieser nun eine neue Waffenanlage bekommt. Der Umbau dauert gut 14 Tage und gibt uns die Möglichkeit, die Annehmlichkeiten von Camp Marmal zu genießen und sich um defektes Material zu kümmern. Bald geht es zurück in den OP North , dort wartet sicher schon der nächste Auftrag auf uns.

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6. November: Marsch zum Observation Post

Panzer auf Landstraße
Es geht los: Im Spitzenfahrzeug verlässt Trupp 1 das Lager (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Thorsten (Trupp 1):

Nach und nach treffen die Kameraden der 2. Kompanie des Panzerpionierbataillons 701 in Masar-i Scharif ein. Das bedeutet, dass der Abmarsch in den Observation Post (OP) North nicht mehr lange auf sich warten lässt. Einige verlegen bereits kurz nach den Einweisungsunterrichten per Hubschrauber dorthin, um dort den Grundbetrieb aufrechtzuerhalten.

Dazu zählen unter anderem das Besetzen der Stellungen, die Zubereitung von Mahlzeiten und das Reinigen der sanitären Anlagen und des Betreuungszeltes. So wie sich unsere Stimmung in Erwartung des bevorstehenden Marsches nach und nach anspannt, so löst sie sich bei unseren Vorgängern, deren Rückflug in die Heimat immer näher rückt. Doch dieses Ereignis scheint für uns noch in unendlicher Ferne. Zunächst gilt es für uns, die Fahrzeuge aufzurüsten, sich mit Hand- und Turmwaffen vertraut zu machen sowie die Führungsunterlagen vorzubereiten. Als es dann losgeht, ist es wieder Nacht.

Diese bietet sich, nicht zuletzt durch das geringe Verkehrsaufkommen, für den Marsch besonders an. Doch auch um diese Zeit ist der Straßenverkehr nicht mit dem in Deutschland vergleichbar. Das Rechtsfahrgebot weicht dem Ansatz, dort zu fahren, wo gerade Platz ist. Selbst wenn das bedeutet, die baulich getrennte Gegenfahrspur zu nutzen. Um es abzukürzen: Jeden deutschen Verkehrspolizisten würde hier wohl der plötzliche Herztod ereilen. Als wir im Camp Marmal zur Kolonne auffahren, lässt sich die Spannung fast greifen.

Viele fahren zum ersten Mal aus dem Lager und ich bin froh, dass ich diese Erfahrung schon hinter mir habe und etwas ruhiger an diesen Marsch herangehen kann. Auch dieses Mal sitze ich wieder im geschützten Spitzenfahrzeug, welches auch scherzhaft als „IED-Auslösetrupp“ bezeichnet wird. Dieses Mal sind auch Christian und Marc mit dabei. Wir fahren nun in der vorgesehenen Besetzung für den Pioniererkundungstrupp 1.

Die Handgriffe vor dem Marsch laufen routiniert und gründlich ab. Nach der Funküberprüfung verlassen wir das Camp Marmal und ein afghanischer Torposten winkt am äußeren Tor zum Abschied. Wer weiß, ob nicht wenige Kilometer weiter jemand mit einem IED auf uns wartet. Doch das ist eine Frage, die sich wohl für die nächsten sechs Monate bei jedem von uns in die Gedanken einnisten wird. Wir rollen stetig den Highway 1 Richtung Osten durch die Dunkelheit.

Vorbei an Lkws, die am Straßenrand liegen geblieben sind oder dort nur zwecks einer Pause unbeleuchtet abgestellt werden. Jedes Mal, wenn man um eine Kurve fährt, hinter der sich solch ein Lkw befindet, ist man nach dem Ausweichmanöver wieder hellwach. Auch die einheimischen Busfahrer treiben den Puls ein ums andere Mal in die Höhe. So erreichen wir in den frühen Morgenstunden im strahlenden Sonnenschein den OP North.

Nachdem wir das Debriefing für den Marsch beendet hatten und die unterstellten Teile in ihre Bereiche verschwinden, ist die Pionierkompanie an ihrem Bestimmungsort angekommen und bereit, die Aufträge der kommenden sechs Monate in Angriff zu nehmen.

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21. Oktober: Alltag im OP North

Soldat mit Päckchen
Frohe Mienen: Die Feldpost ist da (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Erik (Trupp 2):

Momentan besteht der Großteil des Alltags im OP North aus Stellungsdiensten, Reinigungsarbeiten, Vor-und Nachbereiten von unterschiedlichen Aufträgen und sich auf das Essen freuen. Bei der Fülle an Aufträgen kommt es schon mal vor, dass der eine oder andere dann doch kurzfristig abgesagt wird. Wegen des hohen Planungs- und Vorbereitungsaufwands ist das dann eher unbefriedigend, aber leider nicht zu ändern. Der restliche Alltag wird hier maßgeblich vom Thema Stellungsdienst bestimmt.

Täglich muss mein Trupp mehrere verschiedene Überwachungsaufgaben am OP wahrnehmen. Dafür stelle ich Soldaten ab, die dann entweder drei oder vier Stunden Dienst leisten. Des Weiteren muss jeder bei verschiedenen Reinigungsdiensten unterstützen, egal ob in Küche oder im Sanitärcontainer. Dies ist eine Notwendigkeit, denn es gibt hier keine Putzkräfte. Somit ist jeder für die Hygiene selbst verantwortlich. Wer keinen Dienst hat, der nutzt die freie Zeit, um Sport zu machen oder sich beim Tischkicker unter Beweis zu stellen.

Ab und zu schauen wir am Abend auch mal gemeinsam einen Film. Höhepunkt eines jeden Tages ist es, wenn es abends in der Besprechung heißt: „Post ist da!“ Ich freue mich sehr über jeden Brief und jedes Päckchen, da es mich an zu Hause erinnert und mir zeigt, dass dort jemand ist, der an mich denkt. So geht es hier allen.

Bekommt jemand ein Päckchen, wechselt sein Gesicht schlagartig in ein freudestrahlendes Lächeln. Besonders gespannt bin ich auf die kommenden Monate, da letzte Woche in unserem Bereich die afghanischen Sicherheitskräfte die Führung bei der Planung und Durchführung der Sicherheitsaufgaben übernommen haben und wir ab jetzt eine unterstützende Rolle einnehmen.

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3. Oktober: Ankunft im OP North

Soldat mit G36, im Hintergrund Deutschlandflagge
Bereit zum Abmarsch: Die Waffe gehört in Afghanistan dazu (Archivbild) (Quelle: Bundeswehr/Schreiner)Größere Abbildung anzeigen

Erik (Trupp 2):

Nachdem unsere Eingewöhnungsphase in Masar-i Scharif mit dem Empfang der kompletten Zusatzausrüstung und allen „IN-Briefings“ vorbei war, stand der Landmarsch in die Stellung OP-North an. Da wir nachts fuhren, war von der Landschaft nicht wirklich viel zu sehen. Der Blick durch mein Wärmebildgerät im Fahrzeug war jedoch beeindruckend. Fast so beeindruckend wie das Fahrverhalten der afghanischen Bevölkerung, die ohne Rücksicht auf Verluste immer und überall überholte. Nachdem wir morgens im OP-North angekommen waren, hatten wir Zeit uns in unseren Zelten mehr oder weniger häuslich einzurichten.

Für die nächsten sechs Monate sollten diese ja unsere „Heimat“ werden. Auf der Tagesordnung standen auch, wie sollte es auch anders sein, erneut Einweisungen und Materialempfang. Bei unserer ersten Erkundungsfahrt wurde mir deutlich klar, dass wir nicht nur Freunde in der Bevölkerung haben. Ein Jugendlicher warf einen Stein und traf unsere Windschutzscheibe, die trotz Panzerglas einen kleinen Riss bekam. Dies bedeutete für uns eine ungewollte Instandsetzungspause. Ohne unser „Auto“ nutzten wir die „Freizeit“ zum Anschießen unserer Handwaffen, um deren Funktion und Treffsicherheit zu gewährleisten.

Dabei hatten wir den ersten direkten Kontakt zu einheimischen Kindern, die äußerst ausdauernd oberhalb der Schießbahn saßen. Sie warteten darauf, die leeren Munitionshülsen aufsammeln zu dürfen. Traurig aber wahr – das bisschen Altmetall bessert die Haushaltskasse der afghanischen Familien auf. Dennoch war es für die Kinder aber zu gefährlich, auch wenn sie nur am Rande der Schießbahn warteten.

Mit unserem Sprachmittler konnten wir den Kindern verständlich machen, in welcher Gefahr sie sich befanden, da hier geschossen wurde. Ich habe in den ersten Wochen hier im OP bereits viel erlebt und bin gespannt, was noch auf uns zukommt.

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12. September: Erster Landmarsch

Fennek in Afghanistan
Immer vorne dabei: Der Spähwagen Fennek unserer Blogger (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Thorsten (Trupp 1)

Die ersten beiden Tage in Afghanistan sind geprägt von Einweisungsunterrichten und Belehrungen. Außerdem gilt es unzählige Ausrüstungsgegenstände zu empfangen. So verbringen meine Kameraden und ich die meiste Zeit mit dem Sitzen in Unterrichtsräumen oder dem in der Schlange stehen vor verschiedensten Hallen und Seecontainern. Bei Temperaturen von über 40°C ist eine Flasche Wasser mein ständiger Begleiter. Es dauert ein paar Tage, bis man sich an dieses Klima gewöhnt hat. Zusätzlich belastend sind die sehr langen Wege, die hier im Camp Marmal zurückgelegt werden müssen.

Das Lager ist viel größer als ich erwartet habe und Shuttlebusse stehen nur begrenzt zur Verfügung. Auch das Angebot an Betreuungseinrichtungen ist weit aus größer und vielfältiger als wir es uns in Deutschland vorgestellt haben. Doch auf Grund des knappen Zeitplans und um uns nicht zu sehr an den „Betreuungsluxus“ zu gewöhnen, begnügen wir uns damit unser Material zu übernehmen und den Fahrzeugmarsch zum OP North vorzubereiten. Ich bin mit meinem Pioniererkundertrupp Teil des Vorkommandos, das den Auftrag, hat den Weg für die Hauptkräfte des Marsches zu erkunden. Dazu gilt es nun, wie schon angemerkt, das Material von unseren Vorgängern zu übernehmen.

Christian und ich sind derzeit die ersten Pioniererkunder des 29. Kontingents vor Ort und übernehmen daher das gesamte Material beider Trupps. Hinzu kommt, dass wir im Zuge der Übernahme eine erste Erkundung zur Stellung OP North durchführen. Dies verzögert die Übernahme zwar etwas, ist aber eine willkommene Abwechslung vom „Schraubenzählen“. Den Weg zum OP North treten wir in einem Chinook Hubschrauber der US-Streitkräfte an. Nach zwei Stunden im Hubschrauber, inklusive Tankstopp in Khilagay, erreichen wir unser Ziel. Der OP North ist eine ganz andere Welt als das Camp Marmal.

Es gibt zum Beispiel keine befestigten Wege, lediglich zwischen den Zelten Pfade aus Paletten, die einen im Winter halbwegs trockenen Fußes von A nach B bringen sollen. Doch der Winter scheint derzeit noch in weiter Ferne. Mit bis zu 45°C rückt uns die Sonne zu Leibe. Jede kleine Tätigkeit führt bei dieser starken Hitze zu Schweißausbrüchen.

Doch mit jedem Tag der vergeht, gewöhnen wir uns mehr und mehr an das Klima, schwitzen weniger und müssen auch nicht mehr auf Schritt und Tritt Wasser mitführen. Durch die vielen neuen Eindrücke geht die Zeit der Erkundung schnell ins Land und es heißt bald wieder den Rückmarsch ins Camp Marmal anzutreten. Diesmal jedoch nicht mit einem Hubschrauber, sondern mit unserem Spähwagen Fennek. Die 200 Kilometer bis nach Masar-i Scharif fahre ich mit zwei Kameraden aus dem Vorgängerkontingent.

Die Erfahrungen, Verfahren und Abläufe der Vorgänger kennenzulernen ist eine gute Möglichkeit unsere neue Aufgabe besser zu verinnerlichen. Um unseren Marsch nach Masar-i Scharif um 2 Uhr zu beginnen fahren alle Marschteilnehmer ihre Fahrzeuge eine Stunde vorher zur Kolonne auf. Es werden letzte Absprachen getroffen und eine Funküberprüfung durchgeführt. Alles nichts Neues für mich. Neu für mich ist jedoch, den Spähwagen als erstes Fahrzeug der Marschkolonne durchs Land zu kommandieren. Ich hab schon gehörigen Respekt vor dieser Aufgabe, doch der „alte Kommandant“ zu meiner Rechten verbreitet so viel Gelassenheit, dass diese auch auf mich abfärbt.

Der Landmarsch durch die stockfinstere Nacht Afghanistans ist sehr eintönig. Schnurstracks geradeaus führt die Hauptverbindungsstraße Afghanistans durch die Landschaft, nur unterbrochen von Städten und Dörfern. Bevor man sie erblickt kündigen sich die Ortschaften schon durch ihren charakteristischen Geruch an. Es liegt eine Mischung aus Müll, Abwässer und vergammeltem Fleisch in der Luft liegt. Schon jetzt bin ich mir sicher, dass dieser Geruch einer der Eindrücke ist, den ich in Deutschland nicht vermissen werde. Als gegen 5 Uhr die Sonne aufgeht, gibt sie den Blick auf eine atemberaubende Landschaft frei. Zwar weitestgehend frei von Vegetation, aber dennoch sehenswert.

Gegen 6 Uhr erreichen wir das Camp Marmal in Masar-i Scharif, wo der „Spieß“ des Vorgängerkontingents die Marschteilnehmer schon mit heißem Kaffee und belegten Brötchen erwartet. Nach der ersten Stärkung gilt es den Marsch nachzubereiten, bevor es mit der Übernahme von Material und Gerät weitergeht.

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29. August: Die Ankunft verinnerlichen

Bergige Landschaft und kleines Häuschen im Vordergrund
Das künftige „Zuhause“: Blick auf den OP-North in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Thorsten (Trupp 1)

Es ist 4.30 Uhr morgens. Auf einem Rastplatz an der Bundesautobahn (BAB) 45 stehe ich in meiner Wüstentarnuniform und warte auf den Bus, der mich zum Flughafen bringen soll. Die Blicke der Passanten, die sich um diese Uhrzeit hierher verirrt haben, erscheinen mir voller Mitleid. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob sie mir gelten, oder eher meinen Eltern, die sich nicht davon abbringen ließen, mich hierher zu begleiten. Wir reden nicht viel, es gibt ja auch nicht mehr viel zu sagen.

Von Verwandten und Freunden habe ich mich verabschiedet und meine persönlichen Dinge sind geregelt. Dass dem wirklich so ist, davon habe ich mich in der zurückliegenden Nacht dutzende Male vergewissert, indem ich die Checkliste vor meinem geistigen Auge durchgegangen bin.

Als der Bus auf den Rastplatz einbiegt, ist es fast eine Erleichterung. Nicht, dass es mich an diesen unwirklichen Ort Afghanistan zieht, aber nach fast sechs Monaten der ununterbrochenen Einsatzvorbereitung, dem „Einsatz vor dem Einsatz“, wird es Zeit, dass es losgeht.

Nach einer letzten Verabschiedung meiner Eltern steige ich in den Bundeswehrbus. Es herrscht hier eine gespannte Ruhe. Mag sein, dass es daran liegt, dass es noch früh am Morgen ist und eine Nacht im Bus hinter den Kameraden liegt. Also nähern wir uns nahezu schweigend dem Flughafen Köln-Wahn. Nachdem sich der Abflug in Köln dann noch um drei Stunden verzögert, liegen schließlich fünfeinhalb Stunden Flug im Airbus der Luftwaffe vor uns.

Als wir in Termes in Usbekistan aus dem Flieger steigen und uns die erste warme Luft ins Gesicht schlägt, ist die Stimmung bei allen gelöster, nicht zuletzt, weil die Gliedmaßen endlich wieder mal bewegt werden können. Es ist schon dunkel in Termes, und so zieht es alle recht schnell auf die Feldbetten in die uns zugewiesenen Zelte.

Als ich am nächsten Tag aus dem Zelt zum Frühstück möchte, schmerzt die Helligkeit fast in den Augen, die mir vom Boden und den ebenfalls in hellen Farben gehaltenen Zelten entgegenstrahlt. Die Sonnenbrille ist jedoch schnell zur Hand und es geht im perfekten „Urlaubswetter“ zum Frühstück. Gegen Mittag soll dann der Flug gehen, der mich schlussendlich nach Afghanistan bringen wird. Auch dieser lässt etwas länger auf sich warten als veranschlagt.

Die 25 Minuten in der Transall über das Grenzgebirge sind nicht meine erste Bekanntschaft mit diesem Flugzeug. Die Ausweichmanöver hingegen, die „die alte Dame“ in dieser kurzen Flugzeit vollführt, waren mir bis zu diesem Flug jedoch noch unbekannt. Nach einer unerwartet sanften Landung in Masar-i Scharif, gilt es dann, das verzurrte Gepäck in Empfang zu nehmen und uns von den Kameraden des Vorgängerkontingents nach einem ersten Einweisungsunterricht zu den uns zugewiesenen Unterkünften leiten zu lassen. Nachdem die Spinde provisorisch eingeräumt und die Nachtlager hergerichtet waren, versuche ich nun zu verinnerlichen, dass ich jetzt in Afghanistan bin.

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21. August: Erste Aufträge

PKW auf der Straße, Dorfbewohner
Exponiert: Unterwegs als Spitzenfahrzeug (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Christian und Mark (Trupp 1)

Wir sind in der Pionierkompanie Masar-i Scharif eingesetzt. Unsere Findungsphase hier im OP North ist mittlerweile abgeschlossen. So langsam bekommen wir auch unsere Aufträge. Unsere eigentliche Aufgabe ist es, Straßen, Engpässe, Brücken sowie Gewässerübergänge zu erkunden. Da wir aber natürlich nicht die ersten Pionier-Erkunder und -Aufklärer hier sind, stützen wir uns auf schon früher durchgeführte Erkundungen.

Oft werden wir auch zur Marschunterstützung herangezogen. Dabei werden wir vorrangig als Spitzenfahrzeug eingesetzt. Es kam wie es kommen musste: Unser erster Auftrag stand an – eine Eskortierung anderer Kameraden zu ihrem Einsatzgebiet. Wir hatten schon die Befürchtung, dass diese Begleitaufträge zum Schwerpunkt unseres Einsatzes werden könnten. Das sagten uns zumindest unsere Vorgänger.

Unsere Eindrücke von Land und Leuten entsprechen unseren Erwartungen. Die Städte, Dörfer und Bevölkerung sind doch in allen Regionen des Landes gleich. Selbst die Gerüche sind dieselben. Für Marc als Fahrer unseres Fennek-Spähwagens war dies die erste Erfahrung mit Afghanen und ihrer speziellen Kunst, Auto zu fahren. Wir sind wirklich jedes Mal aufs Neue überrascht, in welcher Perfektion gefahren, gehupt und überholt wird, ohne dass es zu Verkehrsunfällen kommt. Wir wollen uns diesen Verhältnissen eigentlich nicht anpassen, aber ganz ohne Nachdruck ist kaum ein Durchkommen durch die engen Straßen möglich. Zu lange an einer Stelle wollen wir ja auch nicht verweilen, um kein noch besseres Ziel zu bieten.

Nach Rückkehr in den OP waren dann die übliche Nachbereitung des Materials und vor allem die herbeigesehnte Abkühlung unter der Dusche angesagt. Selbst die Klimaanlagen in den Fahrzeugen kommen bei etwa 45 Grad Celsius an ihre Grenzen. Zurzeit befinden wir uns wieder im OP. Aber unser nächster Auftrag lässt mit Sicherheit nicht lange auf sich warten.

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18. und 22. August: Anreise und erste Eindrücke

Vier Soldaten halten ein Plakat hoch mit dem Schriftzug „Wir. Dienen. Deutschland“
Auch am Hindukusch: Vier dienen Deutschland (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Christian (Trupp 1):

Nach einer doch recht langen Vorbereitungszeit kam nun endlich der ersehnte Abflug. Die Zeit bis dahin zog sich dieses Mal eine kleine Ewigkeit hin.

Im Vergleich zu meinen vorherigen Auslandseinsätzen kannte ich meinen ungefähren Abflugtermin lange im Voraus. Die zahlreichen Ausbildungen und Übungsplatzaufenthalte schienen dennoch niemals enden zu wollen. Es ist wichtig und gehört dazu, den Einsatz vor dem Einsatz zu üben. Manche Dinge, wie das im Einsatz geltende strikte Alkoholverbot, sind jedoch nicht übenswert. In meinen neuen „Zuhause“, der Stellung OP North 70 Kilometer südlich von Kundus, sehe ich ein solches Verbot natürlich ein.

Der Flug in den Einsatz sowie das Einchecken in Termes waren reine Routine. Es hat sich in all den Jahren sehr wenig verändert. Im Flugzeug die Abgabe der Truppenausweise, danach die Einteilung in die Unterkunftszelte und eine Einweisung in den Ablauf des Folgetages. Im Anschluss an die Landung noch schnell einen Happen essen, ein Abschlussbier in der Betreuungseinrichtung „Area 51“ und danach ab ins Feldbett. Zum Frühstück gab’s dann noch ein Mal echte Eier – die nächsten Monate wird es nur noch Eikonzentrat geben. Meine Kameraden und ich warteten dann auf unseren Weiterflug über die Berge nach Masar-i Scharif.

In Masar erwartete mich das altbekannte Bild. Das Flugfeld war voller verschiedener Flugzeuge und Hubschrauber aller Nationen. Durch unsere Vorgänger wurden wir gut aufgenommen. Kurz nach der Ankunft begann für uns der Einschleusungsmarathon mit verschiedensten Briefings durch alle wesentlichen Stabsabteilungen.

Bei meiner Lagerrunde durch das Camp Marmal wurde ich von der Größe und Ausdehnung überrascht. Ich kenne das Lager seit 2006: Als wir damals die ersten Wohncontainer aufstellten, war alles noch sehr überschaubar. Heute ist man ohne einen fahrbaren Untersatz aufgeschmissen. Die Temperaturen von circa 45 Grad Celsius im Schatten lassen einen vermuten, man sei im Urlaub, doch dies ist nicht so. Obwohl: Das Abendprogramm und die tägliche Truppenbetreuung lassen dies fast vermuten. Man kann sich in verschiedenen Sportstätten auspowern, man kann deutsch, norwegisch und amerikanisch einkaufen und auch essen. Einen öffentlichen Pool gibt es leider immer noch nicht. Die Unterbringung im klimatisierten Container erfolgt meist zu zweit, was mit dem richtigen Mitbewohner auch sehr angenehm sein kann.

Das ironisch „Bad Masa“genannte Feldlager habe ich inzwischen hinter mir gelassen. Meine Heimat für die nächsten Monate ist der OP North. Zu meiner Überraschung ist der erste Eindruck gar nicht so schlecht, wie von vielen behauptet wird. Ich bin mit weiteren fünf Kameraden in einem Zelt untergebracht, aber auch hier haben wir uns so gut es geht eingerichtet.

Mittlerweile gibt es hier auch mehrere Sanitärcontainer, sodass keiner mehr Hunderte Meter auf sich nehmen muss, um seinen persönlichen Bedürfnissen nachzukommen. Es ist alles gar nicht so schlecht, wie immer berichtet wird. Es gibt zwar Einschränkungen in der Privatsphäre sowie der Betreuung, aber man kann sich im Kreise seiner Kameraden die Zeit recht angenehm gestalten. Das Sportzelt ist sehr spartanisch eingerichtet, aber mit etwas Einfallsreichtum kann man sich auch hier sinnvoll beschäftigen. Um die Gemeinschaft zu festigen, werden regelmäßig Karten- oder Brettspiele sowie DVD-Abende angeboten.

Über die Verbindung zu meiner Familie nach Hause kann ich mich derzeit nicht beklagen. Ich vermisse meine kleine Familie dennoch sehr. Ich habe aber ein gutes Gefühl, dass wir das auch diees Mal wieder gut überstehen werden. Wir sind gut vorbreitet und haben auch alles geklärt, was vor einen Einsatz geklärt werden sollte. Über meine dienstlichen Aufträge und Eindrücke schreibe ich dann im nächsten Blogeintrag.

Erik (Trupp 2):

Der Mix aus Anspannung und Aufregung vor dem geplanten Abflug wuchs von Tag zu Tag. Und dann kam ein Anruf von der Kompanie: Der Flug wurde um zwei Tage nach hinten verschoben. Ein paar Tage später wieder ein Anruf: Noch ein Tag später. Die innere Anspannung wurde davon nicht weniger. Auf der Fahrt zum Flughafen konnte man in so ziemlich jedem Gesicht den Trennungsschmerz sehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Bus und Flugzeug landeten wir in Termes. Die Hitze, die schlagartig auf mich einwirkte, hätte ich nicht für möglich gehalten – und das obwohl wir vormittags gelandet sind. Wiederum mussten wir warten, aber gegen Abend ging dann unser Flug nach Masar-i Scharif. Kaum angekommen standen die ersten Einweisungen und Materialausgaben an. Danach hatten wir Zeit, das Camp zu erkunden und unsere Wohncontainer einzurichten.

Am nächsten Tag hieß es dann, zu Hause Bescheid geben, dass alles gut geklappt hat und man sicher angekommen ist. Als Eindrücke bleiben mir definitiv die schiere Größe des Lagers, die für meine Verhältnisse unfassbare Wärme, die Vielzahl an Betreuungs- und Einkaufsmöglichkeiten und die Vielfalt an Nationen und Fahrzeugen.

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Stand vom: 22.11.12


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