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Rückblick: 10 Jahre Afghanistan-Einsatz

Seit 10 Jahren engagiert sich Deutschland in Afghanistan. Was als Stabilisierungsmission in der Hauptstadt Kabul begann, weitete sich nach und nach zum größten Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr aus. Ein Rückblick.

Scharfschütze in Afghanistan

Der Einsatz am Hindukusch hat sich im Laufe der Jahre verändert (Quelle: Bundeswehr/Wayman)

Am 22. Dezember 2001 verabschiedet der Deutsche Bundestag das erste Afghanistan-Mandat. Mit bis zu 1.200 Soldaten darf sich die Bundeswehr an der internationalen Schutztruppe ISAF beteiligen, um im Auftrag der Vereinten Nationen „die vorläufigen Staatsorgane Afghanistans bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und seiner Umgebung so zu unterstützen, dass sowohl die vorläufige afghanische Regierung als auch das Personal der Vereinten Nationen in einem sicheren Umfeld arbeiten können“.

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Gefährlicher Einsatz

Nach mehr als 20 Jahren Krieg und Bürgerkrieg hat Afghanistan erstmals die Chance auf dauerhaften Frieden. Von Anfang an leistet Deutschland einen Beitrag zum Aufbau des Landes. Anfang Januar 2002 treffen die ersten ISAF-Kräfte in Kabul ein. Deutsche Soldaten beteiligen sich erstmals am 14. Januar an einer Patrouille in der kriegszerstörten Stadt. Aufgrund der anfangs niedrigen Gefährdungslage tragen sie Mützen statt Helme und bewegen sich mit ungepanzerten Fahrzeugen durch das Land. Für die Versorgung der deutschen Truppen wird im Nachbarland Usbekistan in Termes ein Luftumschlagplatz in Betrieb genommen.

Erste wichtige Aufgabe der ISAF ist die Absicherung der im Juni 2002 stattfindenden Loja Dschirga zur Etablierung einer afghanischen Übergangsregierung. Auch der vereinbarte Aufbau der Afghanischen Nationalarmee beginnt. Nur wenige Wochen später werden der deutschen Bevölkerung die Gefahren des neuen Einsatzes bewusst, als zwei deutsche und drei dänische Soldaten beim Entschärfen einer Flugabwehrrakete sowjetischer Bauart sterben und weitere Soldaten verletzt werden.

Doch nicht nur die Hinterlassenschaften des Krieges stellen für die internationalen Truppen eine Gefahr dar. Die Bundeswehr muss erkennen, dass sie mit ihrer Beteiligung an der internationalen Stabilisierungsmission ins Fadenkreuz von Terroristen gerät. Am 7. Juni 2003 wird auf die Bundeswehr der erste tödliche Anschlag verübt. Auf der Fahrt eines deutschen Konvois zum Kabul International Airport zerstört die Bombe eines als Taxi getarnten Selbstmordattentäters einen Bundeswehrbus. Vier deutsche Soldaten werden getötet, 29 zum Teil schwer verletzt. Die Bundeswehr setzt angesichts derartiger Anschläge zunehmend gepanzerte Fahrzeuge ein.

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Verantwortung im Norden

Außerhalb von Kabul kommt es immer wieder zu Kämpfen mit versprengten Taliban und Al-Qaida-Kämpfern. Der bewaffnete Kampf ist vor allem Aufgabe der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“, die parallel zur internationalen Schutztruppe gegen Terroristen und Kämpfern des besiegten Talibanregimes vorgeht und vor allem von US-Truppen getragen wird.

Auf Wunsch der afghanischen Regierung wird das Operationsgebiet von ISAF im Herbst 2003 ausgeweitet, um auch außerhalb von Kabul für Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Die internationalen Truppen werden verstärkt, darunter auch das deutsche Kontingent. Bundeswehrsoldaten übernehmen das von den Amerikanern aufgebaute Regionale Wiederaufbauteam (PRT) in der nordafghanischen Provinz Kundus.

Soldat auf Patrouille

Die Bundeswehr im Einsatz: Patrouille in Kundus (Quelle: Bundeswehr/Maluche)Größere Abbildung anzeigen

Im Zuge der weiteren Ausweitung des ISAF-Mandates betreibt die Bundeswehr ab Sommer 2004 ein weiteres PRT in Faisabad, während sie die in Kabul stationierten deutschen Kräfte nach und nach reduziert. Im folgenden Jahr übernimmt Deutschland die Aufgaben als Regional Area Coordinator North (RAC North) und später das Regional Command North (RC North) und trägt in dieser Funktion die Verantwortung für die Koordination des Wiederaufbaus im gesamten Norden Afghanistans. In Masar-i Scharif entsteht das Camp Marmal, das Sitz des Hauptquartiers des Regionalkommandos Nord wird.

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Verschlechterte Sicherheitslage

Trotz der erzielten Fortschritte beim Wiederaufbau und der Stabilisierung Afghanistans bereitet die Entwicklung der Sicherheitslage insbesondere im Süden und Osten seit Ende 2005 zunehmend Sorge. Neben organisierter Kriminalität, Drogenkriminalität und Stammesrivalitäten versuchen die zuvor ins Nachbarland Pakistan ausgewichenen Taliban immer massiver, verloren gegangenes Terrain in Afghanistan zurückzugewinnen. Angriffe und Anschläge auf ISAF-Soldaten und afghanische Sicherheitskräfte sowie auf Mitarbeiter der Vereinten Nationen und Entwicklungsorganisationen nehmen zu.

Zwar bleibt es im deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans zunächst ruhig, doch ab 2007 häufen sich auch hier die Angriffe von Aufständischen. Taliban-Kämpfer sickern in den Norden Afghanistans ein. Sie überfallen Städte und Polizeistationen. Neben Stabilisierung und Wiederaufbau muss sich die Bundeswehr zunehmend der Bekämpfung von feindlichen Kräften zuwenden.

Die Operation Harekate Yolo ist die erste größere militärische Operation im Norden zur Bekämpfung der Aufständischen. Unter deutschem Kommando gelingt es internationalen und afghanischen Truppen von den Taliban besetzte Gebiete zurückzugewinnen – für die Bundeswehr die erste offensive Militäroperation in ihrer Geschichte. Auf Anfrage der NATO stellt die Bundeswehr ab Juli 2008 die Kräfte für die Quick Reaction Force in Nordafghanistan. Der bislang von Norwegen gestellte Kampfverband wird mit gepanzerten Transportfahrzeugen und dem Schützenpanzer Marder 1A5 ausgestattet.

Ein QRF-Soldat liegt mit der Waffe im Anschlag in Stellung

Soldat der QRF. Die Eingreiftruppe stellt sich auf robuste Operationen ein (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Luftangriff von Kundus

Im Zuge der Rückkehr der Taliban hat sich vor allem die Provinz Kundus zu einer der gefährlichsten Regionen in Afghanistan entwickelt. Der dortige Einsatz der Bundeswehr ist geprägt von beinahe täglichen Feuergefechten. Bei seinen Angriffen und Hinterhalten geht der Gegner zunehmend militärisch organisiert vor. Am 4. September 2009 befiehlt der deutsche Kommandeur des PRT Kundus einen Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklaster in der Nähe des deutschen Feldlagers. Bei dem nächtlichen Bombardement werden nach NATO-Einschätzung bis zu 142 Menschen, darunter viele Zivilisten, getötet und weitere verletzt.

Der Tod von vielen unschuldigen Zivilisten aufgrund eines Befehls eines deutschen Soldaten trifft die deutsche Bevölkerung zutiefst in ihrer Wahrnehmung des Bundeswehreinsatzes. Trotz der immer häufigeren Gefechte wurde der Einsatz bis zu diesem Ereignis in erster Linie als friedlicher Stabilisierungseinsatz wahrgenommen. Umso stärker wird die Realität des Einsatzes durch den Luftschlag mit einem Male deutlich: Die Bundeswehr befindet sich in einem Kampf gegen Aufständische.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg spricht erstmals von „kriegsähnlichen Zuständen“ und trifft damit das Gefühl vieler Soldaten, die sich in Afghanistan beinahe täglich stundenlange Gefechte mit einem asymmetrisch kämpfenden Gegner liefern. Am Karfreitag 2010 erlebt die Bundeswehr das bis dahin schwerste Gefecht in ihrer Geschichte, drei Fallschirmjäger fallen im Kampf mit den Aufständischen. Die Bundeswehr muss auf die gestiegene Bedrohung reagieren und verlegt zusätzliche schwere Waffen nach Afghanistan.

Auch rechtlich setzt man sich in Deutschland mit dem Bundeswehreinsatz neu auseinander. Im Zuge der Aufarbeitung des Luftangriffes von Kundus entscheidet die Bundesanwaltschaft im März 2010, dass es sich beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr um einen nichtinternationalen bewaffneten Konflikt – sprich Bürgerkrieg – handelt. Für Soldaten der Bundeswehr gilt daher statt des deutschen Strafgesetzbuches das Völkerstrafgesetzbuch.

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Strategiewechsel und Neuausrichtung des Bundeswehrkontingents

Unter dem Eindruck der landesweiten Verschlechterung der Sicherheitslage entschließen sich die NATO-Staaten zu einer massiven Aufstockung der ISAF-Truppen und gleichzeitig zu einem weitreichenden Strategiewechsel. Die Anstrengungen im Bereich Aufbau und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte werden deutlich verstärkt und das militärische Engagement stellt noch stärker den Schutz der afghanischen Bevölkerung in den Vordergrund.

Statt aus den wenigen Feldlagern heraus die Umgebung durch Patrouillen zu sichern, geht ISAF dazu über, das von Aufständischen befreite Gebiet auch durch permanente Präsenz von Truppen zu sichern. „Partnering“ heißt das Schlüsselwort. Dabei werden die Afghanen verstärkt in die Operationen eingebunden. In Masar-i Scharif und Kundus werden jeweils ein deutsches Ausbildungs- und Schutzbataillon aufgestellt, ausgerüstet mit allem, was für selbstständige und intensive Operationen notwendig ist – Kampftruppen, Pioniere, Sanitäter, Aufklärer und Kampfmittelbeseitiger. Sie ersetzen die QRF, die im Oktober 2010 aufgelöst wird.

Die Soldaten operieren in der Fläche, sind ständig präsent. Auch wenn sich das Risiko für die Soldaten zunächst erhöht, zeigt die neue Vorgehensweise schnell Erfolge. Die ISAF lässt sich Räume, die sie gewonnen hat, nicht mehr nehmen, sondern überführt sie in die Sicherheitsverantwortung der Afghanen, sobald diese dazu in der Lage sind. Darüber hinaus werden vor allem die Anführer der Aufständischen von Spezialkräften ins Visier genommen. Für die Aufständischen werden die Rückzugsräume immer kleiner. Viele geben den Kampf auf und ergreifen im Reintegrationsprogramm für Talibankämpfer die Chance für ein neues Leben.

Soldatin auf Beobachtungsposten

Den Abzug vor Augen: Bis 2014 sollen die internationalen Kampftruppen abziehen (Quelle: Bundeswehr/Rippl)Größere Abbildung anzeigen

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Abzug in Sicht – Herausforderungen bis 2014

Unter dem Eindruck der militärischen Unterlegenheit und dem ständigen Druck ändern die Aufständischen im ersten Halbjahr 2011 ihre Vorgehensweise. Statt die ISAF-Truppen in Hinterhalte und Gefechte zu verwickeln, setzen sie verstärkt auf behelfsmäßig hergestellte Sprengfallen. Getarnt als Abfall am Straßenrand, versteckt in Wasserdurchläufen unter der Straße sind die im Fachjargon IED genannten Sprengvorrichtungen die tödlichste Gefahr für die Soldaten. Auch Selbstmordattentäter kommen verstärkt zum Einsatz. Dass dabei nicht nur Soldaten, sondern in der Mehrzahl afghanische Zivilisten Opfer der perfiden Anschläge werden, wird billigend in Kauf genommen.

Mit ihrer neuen Strategie erzielt ISAF wichtige Erfolge. Vor allem der Trend einer sich ständig verschlechternden Sicherheitslage ist gebrochen. Durch die verstärkten Anstrengungen haben die afghanischen Sicherheitskräfte mit 305.600 Mann ihre Sollstärke von 352.000 fast erreicht. Auch die schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen geht voran. Doch bis zum Abzug der internationalen Kampftruppen 2014 bleibt viel zu tun.

Deutschland und seine Partnerländer zahlen für den Einsatz einen hohen Preis. 52 Bundeswehrsoldaten verlieren in den zehn Jahren Einsatz am Hindukusch ihr Leben. Hunderte werden körperlich und seelisch verwundet.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Jan Rippl


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