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Frieden finden nach dem Einsatz

Berlin, 24.10.2011, Y – Das Magazin der Bundeswehr.
2010 wurde im Bundeswehrkrankenhaus Berlin das Psychotraumazentrum eingerichtet. Angehörige der Bundeswehr, die aufgrund traumatischer Erlebnisse an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, werden hier stationär oder ambulant behandelt. Im Zentrum der Therapie steht dabei, die Lebensqualität der seelisch Verwundeten zurückzugewinnen.

Schild eines Behandlungsraums im Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Behandlungsraum im Bundeswehrkrankenhaus Berlin (Quelle: Bundeswehr/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Der Anstieg war deutlich. 2008 waren es noch 245 Fälle, die eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) aufwiesen, 2009 schon 466. 2010 gab es 729 offizielle Fälle in der Bundeswehr. Viele Soldaten mit PTBS haben sich nach der Rückkehr aus ihrem Auslandseinsatz in ärztliche Behandlung begeben. Seit mehr als einem Jahr gibt es für sie eine neue Anlaufstelle: das Berliner Psychotraumazentrum.

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Dunkelziffer PTBS

Während in der Klinik des Zentrums Traumapatienten stationär oder ambulant behandelt werden, gewinnt der Forschungsbereich neue Erkenntnisse und trägt zur Weiterentwicklung der Therapiemethoden bei. Ein Beispiel dafür war die PTBS-Dunkelzifferstudie, die vom Traumazentrum und der Technischen Universität Dresden erstellt wurde.

Forscher in zivil und in Uniform untersuchten, wie viele Soldaten statistisch an PTBS erkranken. Das Ergebnis: Die Hälfte der Soldaten im Afghanistaneinsatz hat mindestens ein traumatisches Erlebnis. An PTBS erkrankt sind von den 10.000 Soldaten aus der Studie, die 2009 durchschnittlich vier bis fünf Monate im Einsatz waren, etwa 300. Laut Studie sucht jedoch nur jeder Zweite von ihnen professionelle Hilfe.

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Psychische Erkrankung kein Tabuthema mehr

Der Anstieg der PTBS-Erkrankungen lässt sich zum Teil damit erklären, dass sich mehr Soldaten im Auslandseinsatz befinden. Aber auch damit, dass die Einsätze gefährlicher und damit seelisch belastender geworden sind. „Der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe, den wir jetzt in der Bundeswehr haben, war vor drei Jahren noch nicht da“, sagt Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann, der Leiter des Psychotraumazentrums.

Einen weiteren Grund für den Anstieg sieht er in der Aufklärungsarbeit, mit der es gelungen ist, das Thema der psychischen Gesundheit zu enttabuisieren. „Gerade Kommandeure, Kompaniechefs, Spieße haben inzwischen eine deutlich höhere Akzeptanz entwickelt, was diese Störungen angeht. Sie ermuntern ihre Männer, sich in Behandlung zu begeben“, berichtet Zimmermann, der sich zu Fachvorträgen auch mal in die Truppe begibt und Vorgesetzte berät.

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Lebensqualität zurück gewinnen

Therapiezimmer mit zwei Stühlen und Gemälden an der Wand
Therapiezimmer (Quelle: Bundeswehr/Pulpanek)Größere Abbildung anzeigen

Es ist der erste Schritt, der vielen betroffenen Soldaten am schwersten fällt: sich selbst einzugestehen, dass sie an der Seele erkrankt sind. Oft sind es neben den betroffenen Soldaten auch Familienangehörige, Freunde oder Kameraden, die bei der Telefonhotline des Psychotraumazentrums oder auf einer der Internetseiten zu PTBS Rat suchen, weil der Alltag aus den Fugen geraten ist.

„Wenn man nachts nicht mehr schläft, nur noch angespannt ist, ständig von Erinnerungen gequält wird, im Sommer nicht mehr grillen kann, weil man das verbrannte Fleisch nicht mehr riechen kann – das kostet Lebensqualität“, erklärt Zimmermann. Wiedergewinnung von Lebensqualität steht demnach im Zentrum der Behandlung.

Die meisten Soldaten bleiben im Durchschnitt zwischen drei und sechs Wochen. „Das reicht, um eine gewisse Zahl an Einsatztraumata zu bewältigen und einen großen Teil des psychischen Drucks zu senken“, so der Oberstarzt. In der Therapie lernen die Patienten Schritt für Schritt, wieder ihren Alltag zu bewältigen.

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Häufig bleiben Narben

Im Psychotraumazentrum müssen die zivilen Techniken der Psychotraumatologie den Bedürfnissen der Soldaten angepasst werden. „Da gibt es leichte Unterschiede. Zum Beispiel spielt das Thema Schuld und Schuldgefühle bei Soldaten, die vielleicht haben kämpfen müssen, eine viel wichtigere Rolle“, berichtet Zimmermann.

Beispielsweise in der Ergotherapie können sie als Einzelne oder in der Gruppe ihre Erlebnisse und Emotionen verarbeiten. „Es geht dabei nicht darum, darüber zu reden, sondern darum, über eine kreative Art Gefühle zum Ausdruck zu bringen – sei es über Zeichnungen, sei es über Skulpturen“, erklärt die Leiterin der Abteilung, Ergotherapeutin Regina Kielas. „Wir wollen, dass die Patienten wieder kleine Dinge, die sie vielleicht sonst gar nicht so wahrgenommen haben, hier einfach neu entdecken und erleben.“

Bei über 80 Prozent der Patienten kann eine deutliche Besserung erreicht werden, die wieder zu mehr Lebensqualität und auch Leistungsfähigkeit führt. Die meisten sind jedoch auch nach einer Traumatherapie nie wieder dieselben wie vorher. „Es bleibt häufig eine Narbe – im Sinne einer Lebensveränderung, einer Veränderung von Werten und Einstellungen“, betont Zimmermann und ergänzt: „Man kann aber im Therapeutischen daran arbeiten, wie man damit umgeht.“

Soldaten in Deckung hinter einem Sandhügel
Soldaten unter Beschuss (Quelle: Bundeswehr/von Söhnen)Größere Abbildung anzeigen

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Soldaten auf Belastungen vorbereiten

Die Idee, ein Psychotraumazentrum einzurichten, gab es schon lange. Andere Armeen betreiben bereits seit Jahren vergleichbare Einrichtungen. „Gerade die amerikanischen, britischen und israelischen Streitkräfte haben viel Erfahrung in Psychotraumatologie“, weiß der Oberstarzt. „Diese Erfahrungen sind wichtig. Wir tauschen uns regelmäßig aus, treffen uns zu Symposien, besuchen uns gegenseitig.“

Derzeit stehen in Berlin eine 30-Betten-Station und eine Tagesklinik mit zehn bis 20 Plätzen zur Verfügung. Letztere soll mit eigenen Räumen und Personal ausgestattet werden. Allerdings fehle hierfür noch das Personal, erläutert Zimmermann. „Wir werden deutlich mehr brauchen, weil die Zahlen deutlich ansteigen.“

Zukünftig wollen sich die Traumaforscher auch der Prävention einsatzbedingter psychischer Störungen widmen. Ziel ist es, die Soldaten auf Belastungen vorzubereiten. Der offene Umgang der Soldaten mit seelischen Problemen spielt dabei eine wichtige Rolle. „Wer weiß und akzeptiert, ab und zu mal eine seelische Krise zu haben, ist auch in der Lage, sich gezielt auf der seelischen Ebene zu wappnen und zu schützen“, erläutert Zimmermann.

Das Psychotraumazentrum Berlin
StandortDas Psychotraumazentrum ist Teil des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin-Mitte.
BettenFür die Behandlung steht derzeit eine 30-Betten- Station zur Verfügung. Hinzu kommen bis zu 20 Plätze in der Tagesklinik. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit der ambulanten Psychotherapie mit acht Plätzen.
Bilanz 2010In ersten Jahr wurden insgesamt über 700 Patienten stationär und etwa 3.500 ambulant behandelt. Ein Drittel der stationär Versorgten litt an PTBS.
KontaktDie kostenlose Hilfe- Hotline erreichen Sie unter 0800 588 7957. Die rund um die Uhr besetzte Station VI des Traumazentrums unter 030 2841 1611.

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Stand vom: 18.01.12 | Autor: Jan Rippl

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