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Von Afghanistan nach Belgien: Stationen einer Geistlichen (1)

Berlin, 24.05.2012.
Annegret Wirges kann eine bewegte Biografie vorweisen. Beispielsweise war sie die erste deutsche Militärgeistliche im Afghanistan-Einsatz. Ein Porträt.

Wirges vor dem Bug eines Schiffes
Auch Seelsorger brauchen einen Hafen: Annegret Wirges in Rostock (Quelle: David Zwadlo)Größere Abbildung anzeigen

Annegret Wirges hat schon vieles gesehen: Die 51-Jährige hat nach ihrem Theologiestudium als Krankenhausseelsorgerin gearbeitet, ist dann in die Militärseelsorge gewechselt, hat in Afghanistan gedient, arbeitet heute bei der NATO in Belgien und betreut von hier aus Militärstandorte in ganz Westeuropa.

Wo also anfangen? Vielleicht in Afghanistan, im Jahr 2009. Noch nie zuvor verrichtete eine deutsche Militärgeistliche dort ihren Dienst. Auch Annegret Wirges selbst hat noch nie so lange außerhalb von Europa gelebt und gearbeitet.

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Seelsorge am Brennpunkt

Vier Monate lang, von Juli bis November 2009, dient die Seelsorgerin in dem zentralasiatischen Krisenland. Abwechselnd in Masar-i Scharif und in Kabul, in Ausnahmefällen auch an weiteren, kleineren Standorten. Es ist eine gefährliche Zeit: Seit Beginn 2009 werden Patrouillen der Bundeswehr im Raum Kundus zunehmend in Kämpfe verwickelt. Feldlager werden angegriffen; in Feuergefechten fallen mehrere deutsche Soldaten oder werden verwundet.

Um den Bundeswehrangehörigen Halt zu geben, macht Wirges Angebote: Jeden Mittwoch feiert sie die Abendandacht und, im Wechsel mit ihrem katholischen Kollegen, am Sonntag den Gottesdienst. Zur musikalischen Unterstützung gründet sie einen Chor, rund zwölf bis 14 Soldaten engagieren sich dafür. Dazu gibt Wirges Impulse für eine Brass-Band, außerdem veranstaltet sie regelmäßige Kinoabende und Frühstücke für die Truppe.

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Kleine Auszeiten vom Dienst

Die Fotos aus dieser Zeit zeigen einfachste Verhältnisse. Als Altar für den Gottesdienst dient ein riesiger Felsbrocken; bisweilen werden Biertische zu „Kirchbänken“ umfunktioniert, und natürlich behalten die Sängerinnen und Sänger ihre Uniformen auch während der Chorprobe an.

In Deutschland klingt das vielleicht ungewöhnlich, aber im Einsatzland, inmitten von Wüste, Wachtürmen und Stacheldraht, sind die Soldaten dankbar für diese Angebote: Sie sind kleine Freiräume im harten Dienst. Gottesdienst, Chorprobe, Kinoabende – das alles sind kleine Auszeiten von den engen und hierarchischen Verhältnissen im Militärcamp.

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Drei wiederkehrende Themen

Außerdem führt die Militärgeistliche viele seelsorgerische Einzelgespräche. Acht bis neun stehen jede Woche bei ihr an. Manche Gespräche dauern nur wenige Minuten, dann ist das Problem gelöst. In anderen Fällen ist Annegret Wirges geistliche Unterstützung jedoch über viele Stunden nötig.

Bei diesen Gesprächen stellt Annegret Wirges drei Themen fest, die von den Soldaten immer wieder angesprochen werden: Einsatz, Zusammenleben und Heimat.

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Afghanistan ist kein Abenteuer

Zuletzt drehen sich viele Unterhaltungen natürlich auch über die familiäre Situation in den Heimatländern: „Was ist zu Hause mit Freund oder Freundin und Ehepartner oder Ehefrau los? Kann die Beziehung auch nach dem Einsatz fortgeführt werden – und wenn ja: wie?

Vor allem junge Soldaten, deren Beziehungen noch nicht über Jahre gefestigt sind, machen sich darüber enorm viele Gedanken“, stellt Wirges fest. Und: „Besonders viele Probleme entstehen immer im ersten und im letzten Drittel des Einsatzes.“

Wenn Annegret Wirges über ihren Einsatz spricht, wirkt sie so wundervoll ruhig und gelassen. Auf gar keinen Fall möchte sie ihren Afghanistan-Einsatz als „Abenteuer“ dargestellt sehen. Wie passt es also zusammen, dass sich die damals 48-Jährige dazu entschlossen hat, deutsche Soldaten in eines der gefährlichsten Länder der Welt zu begleiten?

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Stand vom: 31.05.12 | Autor: David Zwadlo


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