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Schützenpanzer Marder: Das 20-Millimeter-Argument (1)

Kunduz, 16.07.2010.
Mit dem Einsatz des Schützenpanzers Marder in Afghanistan erlebt ein Relikt des Kalten Krieges eine unerwartete Wiederkehr auf das Gefechtsfeld. Gerade werden zehn weitere Fahrzeuge an den Hindukusch verlegt. Sie haben sich im Kampf bewährt. Ein Bericht der Zeitschrift loyal.

Zwei Schützenpanzer Marder im Feldlager Kunduz
Gepanzerte Verstärkung: Marder im Feldlager (Quelle: Bundeswehr/Rippl)Größere Abbildung anzeigen

Sie haben hinter einer Mauer Deckung gesucht. Um sie herum tobt das Gefecht. Die Aufständischen greifen pausenlos aus ihren Stellungen an. Die aus Lehm und Ziegeln gemauerte Wand soll dem Hauptfeldwebel und dem Stabsunteroffizier genauso Schutz vor den Kugeln geben wie die Mauern der umliegenden Gehöfte den dahinter verschanzten Taliban.

Die 5,56-Millimeter-Munition der G-36-Gewehre der Fallschirmjäger, selbst die 7,62-Millimeter-Patronen der auf den Fahrzeugen lafettierten MG-3, werden vom Lehm der Mauern geradezu aufgesogen und schlagen nicht durch. Plötzlich visiert ein Panzerfaustschütze frontal den Schutzwall an, hinter dem die beiden deutschen Soldaten liegen. Das Gestein birst, Splitter bohren sich in die Gesichter der beiden Fallschirmjäger und verursachen grässliche Verletzungen. Einer der Männer verliert ein Auge, der andere erblindet.

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Eine bohrende Kernfrage

Soldaten in Gefechtsstellung
Feuerkampf mit kleinem Kaliber (Quelle: Bundeswehr/Walter)Größere Abbildung anzeigen

Die dramatischen Stunden des Gefechts in Isa Khel nahe Kunduz sind systematisch und zugleich in Eile aufgearbeitet worden. Es waren kritische Fragen, denen sich Kommandeure, Ausbilder und Planer in den Kampfverbänden des Heeres seit diesem Karfreitag stellen mussten, und in deren Folge sie möglichst schnell Konsequenzen zu ziehen hatten.

Die Kernfrage: Wie konnte es passieren, dass ein bestens trainierter Fallschirmjägerzug in einen Hinterhalt geriet, aus dem er sich nicht mehr allein herauskämpfen konnte, in dem seine Waffen nur von bedingter Wirkung waren und in dessen Ergebnis mit drei Gefallenen, vier Schwer- und weiteren Leichtverletzten der größte Blutzoll stand, den eine Bundeswehreinheit bis heute im Kampf erlitten hat?

Die Antworten folgen den Gesetzmäßigkeiten des Kriegs, die längst auch für die Bundeswehr gelten, und sie machen die Entscheidung des Verteidigungsministeriums verständlich, mehr schwere Waffen nach Afghanistan zu verlegen.

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Eine Sache der Erfahrung

„Der Einheit“, sagt ein ranghoher Offizier im loyal-Gespräch, „ist ihre Unerfahrenheit im Kampfgebiet zum Verhängnis geworden.“ Die Fallschirmjäger aus Seedorf wa­ren erst seit Kurzem in Kunduz stationiert, ihnen fehlten genaue Ortskenntnisse. Vor allem aber waren ihre Sinne noch nicht ausreichend geschärft für den Kampf in einer Umgebung, in der ihnen die Menschen zuwinken, um sie gleich darauf von hinten zu beschießen. „Der Gegner“, erklärt der Offizier, „weiß, dass frische Einheiten verwundbarer sind als erfahrene.“

Eine intuitive Erkenntnis, die sich aus Jahrtausenden der Kriegsgeschichte ziehen lässt, und die die Aufständischen offenbar zu nutzen verstehen. Sie wissen, dass die Deutschen alle vier bis sechs Monate ihre Truppen austauschen. Durch ihre Späher, die etwa im Feldlager für die Bundeswehr arbeiten, erfahren sie, wann neue Einheiten eintreffen. Sie kennen sogar die heimatlichen Stationierungsorte der Soldaten und wissen sie der Truppengattung zuzuordnen. Während die Kontingente wechseln, schlagen die Taliban besonders gern zu.

Fallschirmjäger, sagt der einsatzerfahrene Soldat, nötigten ihnen allerdings Res­pekt ab, primär wenn sie aus dem Saarland kämen. Die dort stationierte Luftlandebrigade 26 ist ausgebildet für den Kampf gegen irreguläre Kräfte, vor allem aber hat sie seit 2008 vielfach im Kampf mit den Aufständischen gestanden. Man kennt sich sozusagen, zum Teil namentlich, wie abgehörte Telefonate der Guerilla ergeben hätten.

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„Ein schlagendes Argument“

Der "Marder" im Einsatzgebiet Afghanistan
Nötigt Respekt ab: Marder in voller Fahrt (Quelle: Bundeswehr/Walter)Größere Abbildung anzeigen

Doch inzwischen haben die Taliban in Kunduz eine weitere eingespielte Kampfgemeinschaft kennen- und offenbar auch fürchten gelernt. „Wenn unsere Patrouillen mit einem Schützenpanzer Marder 1A5 operieren, ziehen sich die Angreifer schnell zurück“, berichtet Oberst Frank-Reiner Rake, Kommandeur des Ausbildungszentrums Panzertruppen in Muns­ter. Das mehr als 30 Jahre alte Kettenfahrzeug bewähre sich, seitdem es die Schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Force, QRF) im Vorjahr erstmals im Kampf eingesetzt habe.

Besonders ein Gefecht am 19. Juli 2009 nahe der Ortschaft Zar-Kharid-i-Sufla bei Kunduz gilt im Heer als beispielhaft für den erfolgreichen Einsatz der Marder gegen irreguläre Kräfte. Ein Panzergrenadierzug befreite damals eine von belgischen Militärausbildern begleitete Einheit der afghanischen Armee aus einem Hinterhalt. Der heftige Feuerwechsel, so wird berichtet, sei abrupt beendet gewesen, als die QRF den in Bedrängnis geratenen Kameraden mit einem Schützenpanzer an der Spitze zu Hilfe kam.

Die Besatzung des Marder hatte die MG- und Panzerfauststellungen der Aufständischen in einem Gehöft mit einigen Salven aus der Bordkanone, die die Schutzmauer durchschlugen, ausgeschaltet. Mit dem Panzer auf dem Gefechtsfeld wendete sich das Blatt. 20 Millimeter, bedeuteten die afghanischen Soldaten seinerzeit den deutschen Grenadieren, seien ein „schlagendes Argument“, dem die Taliban im Kampf nichts entgegenzusetzen hätten. Ein „Argument“, dessen Verwendung den Fallschirmjägern am Karfreitag wohl ebenso geholfen hätte.

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Schutz und Feuerkraft

Es ist nicht nur die 20-Millimeter-Kanone, die den minengeschützten Schützenpanzer für die Kampftruppen in Kunduz wertvoll macht. Der Marder bietet Schutz und ist mindestens genauso beweglich wie die Radfahrzeuge der Bundeswehr vom Typ Fuchs, Dingo und Wolf. Inzwischen ist es vielfach ein Mix dieser Fahrzeuge, mit dem die Soldaten in Kunduz patrouillieren.

Dabei macht sie der 38 Tonnen schwere Marder zwar schwerfälliger, verschafft ihnen zugleich aber eine größere Flexibilität im Gefecht. Dank der Bordkanone des Panzers hat sich die Wirksamkeit der Einheiten im Kampf deutlich erhöht. Bei einer optimalen Schussentfernung von tausend Metern und hoher Treffergenauigkeit können die Soldaten vom Fahrzeug aus gegen den Gegner vorgehen, ohne sich seiner Waffenwirkung auszusetzen.

Sind sie einmal abgesessen, begleitet sie das Fahrzeug, dessen Kanone in einem Radius von 360 Grad wirken kann. „Das hat auch einen erheblichen psychologischen Effekt auf die Soldaten“, sagt Oberst Rake. „Ist ein Marder dabei, fühlen sie sich sicherer.“

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Weitere Informationen

Weiterführende Links

Stand vom: 19.07.2010 | Autor: Marco Seliger

http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/einsaetze/missionen/isaf%3Fyw_contentURL=%2FC1256EF4002AED30%2FW287EAGP965INFODE%2Fcontent.jsp.html