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Interview: Als Militärbeobachter in die Westsahara

Potsdam, 06.11.2013.
Mit zunächst zwei Militärbeobachtern wird sich die Bundeswehr an der UN-Mission MINURSO in der Westsahara beteiligen. So hat es die Bundesregierung kürzlich beschlossen.

Soldaten lesen eine Karte in der Wüste

Auf sich gestellt: MINURSO-Beobachter auf Patrouille (Quelle: UN Photo/Perret)Größere Abbildung anzeigen

Kapitänleutnant Günther D. und Hauptmann Guido P. sollen dort mit internationalen Kameraden den Waffenstillstand zwischen Marokko und der „Befreiungsbewegung“ Frente Polisario überwachen. Beide deutschen Soldaten haben reichlich Einsatzerfahrung gesammelt, doch die Westsahara wird Neuland für sie sein. Unser Autor hat sie bei ihrer Vorbereitung im Einsatzführungskommando der Bundeswehr getroffen.

Sind sie eigentlich hitzeresistent? In der Westsahara kann es schließlich bis zu 50 Grad heiß werden?

Hauptmann P:
Ich denke mal ja, obwohl ich natürlich noch nicht weiß, wie heiß es wirklich in der Sahara wird. Aber ich habe ja auch schon in Afghanistan bei meinem ISAF-Einsatz Temperaturen über 40 Grad erlebt. Das ist alles eine Gewöhnungssache.

Kapitänleutnant D: Ich habe mich bisher immer sehr schnell akklimatisiert und fühle mich in der Hitze auch pudelwohl.

Wie sieht ihr Auftrag als UN-Beobachter bei MINURSO in der Westsahara aus?

D:
Als UN-Militärbeobachter werden wir bei der UN-Mission MINURSO beispielsweise durch unsere Patrouillen Präsenz zeigen und das Gebiet beobachten. Zudem werden wir in Gesprächen mit den verantwortlichen Personen der Regionen Informationen sammeln, ob dort zum Beispiel Wasser, Lebensmittel oder Medikamente fehlen. Diese Informationen werden wir dann in Berichte zusammenfassen und an das Hauptquartier in Laayoune weiterleiten.

Wie lange sind Sie beide vor Ort?

D:
In der Regel ist ein Zeitraum von sechs Monaten geplant. Das kann sich auch auf acht Monate erweitern.

Kapitänleutnant D. im Porträt

Kapitänleutnant Günther D. war schon im UN-Auftrag im Sudan (Quelle: Bundeswehr/Gercke)Größere Abbildung anzeigen

Wie wird man überhaupt Militärbeobachter?

D:
Dies wird man durch eine freiwillige Meldung nach Abfrage in der Einheit. Nach der Meldung besucht man dann einen Basislehrgang am VN-Ausbildungszentrum in Hammelburg. Dort bekommt man dann das Handwerkszeug, das man als UN-Militärbeobachter im Einsatz benötigt.

P: Und der Chef muss das ja auch immer noch absegnen. Es geht ja nicht nur um die sechs Monate. Zählt man die Vor- und Nachbereitung hinzu, kommt man auf gut acht Monate insgesamt.

Warum haben Sie zugesagt?

D:
Weil mich diese Art der Einsätze interessiert. Ich habe ja schon an zwei UN-Einsätzen teilgenommen, bei UNMIS 2009/2010 und UNAMID 2012/2013. Dort war ich in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt, als Militärbeobachter bei UNMIS und bei UNAMID im Stab als Inspektor für UN-Material. Für mich ist die Westsahara eine andere Region als beispielsweise der Süd-Sudan. Zudem reizt es mich, dass ich mit kleinen Dingen dort viel bewegen kann. Es müssen nicht mal materielle Dinge sein, die beispielsweise die Kinder da glücklich machen, das habe ich im Süd-Sudan kennen gelernt. Es reicht schon, da zu sein.

P: Ich habe ja bereits bei IFOR, KFOR und ISAF Einsätze absolviert und wollte nun auch für die UN tätig sein und habe daher dieses Jahr den neunwöchigen VN-Lehrgang besucht. So lerne ich auch mal eine andere Seite des militärischen Dienstes kennen.

Was wussten sie von dem Konflikt und der Westsahara?

D:
Ich wusste, dass es Streit um das Gebiet der Westsahara zwischen Marokko, Algerien, Mauretanien und der Frente Polisario gibt. Da ich ja schon zweimal in Afrika eingesetzt war, interessiere ich mich dafür, was in Afrika passiert. Ob es Mali, der Kongo und eben auch Nordafrika ist. Das gilt aber auch für die aktuellen Themen wie Kriege, Krisen und die Migration. Ich bin da durch die Einsätze schon ein wenig mehr sensibilisiert.

Wissen sie schon, wie gefährlich dieser Einsatz dort ist?

D:
Das können wir natürlich noch sehr schwer einschätzen, aber die UN ist sicherlich aus gutem Grund da. Ein gewisses Risiko gibt es in diesen Einsätzen immer. Grundsätzlich würde ich sagen, dass es gefährlich ist. Schließlich muss ich dafür nicht in einen militärischen Zwischenfall geraten, sondern es reicht schon, mit dem Auto in der Wüste stecken zu bleiben. Dazu kommt die schwierige Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser. Sicherlich kann man sich auf eine Menge einstellen, und dies habe ich auch schon bei meinen Einsätzen zuvor gemacht. Aber es kann immer etwas passieren, und dann sollten zumindest alle Kommunikationsmittel funktionieren.

P: In der Westsahara darf man auch die Minengefahr am Grenzstreifen nicht vergessen, somit ist es dort gefährlich. Wie die Lage dann genau ist, können wir dann erst bewerten, wenn wir vor Ort sind.

Hauptmann P. im Porträt

Hauptmann Guido P. steigt neu ins „Beobachtergeschäft“ ein (Quelle: Bundeswehr/Gercke)Größere Abbildung anzeigen

Wo und wie werden sie in Nordafrika untergebracht?

D:
Wir werden dort mit anderen UN-Soldaten aus verschiedenen Staaten zusammen untergebracht sein und gemeinsam arbeiten, essen und trinken. Besonders bei längeren Patrouillenfahrten gehört da sicherlich einige Toleranz dazu, aber es ist auch sehr spannend und interessant, besonders der interkulturelle Austausch. Wir werden dort sicher sehr viel Zeit im Auto verbringen und damit hat man Zeit für Gespräche.

In der Regel kommen wir beide durch die UN auch auf eine Teamside (Anmerkung der Redaktion: Basis der Militärbeobachter), denn bei Problemen gleich welcher Art kann man dies einfacher gemeinsam lösen, wenn man sich in der eigenen Landessprache unterhalten kann. Das ist meine Erfahrung aus den letzten vier Jahren. Aber im allgemeinen Dienstbetrieb werde ich nicht viel mit Hauptmann P. zusammen sein. Das wird sich wohl morgens auf das Briefing und abends, wenn man von der Patrouille zurückkommt, beschränken.

P: Auf welcher Teamside wir genau untergebracht werden ist noch nicht klar. Das entscheidet der Kommandeur im Hauptquartier. Wir werden dort abgesetzt auf eine der neun Teamsides verteilt, in der dann gut 20 Militärbeobachter untergebracht sind.

D: Dort im Einsatz in den Teamsides hat man übrigens immer eine Doppelfunktion. Einmal als UN-Militärbeobachter und einmal in der militärischen Organisation, um beispielsweise für das Personal, die Logistik und Nachschub oder die IT zu sorgen.

Kannten Sie sich schon vorher?

D:
Nein, wir sind uns hier in Potsdam bei der dreitägigen Vorbereitung zum ersten Mal begegnet.

Eigentlich ist es gut, dass sie als kleines Team zusammen fahren, oder?

P:
Ja, als UN-Militärbeobachter-Neuling es ist schon gut einen erfahrenen Ansprechpartner zu haben, den ich dann fragen kann: Was muss ich beispielsweise alles mitnehmen, an was muss ich denken? Vor Ort ist es dann wichtig, von ihm zu lernen: Wie kann ich hier am Besten vorgehen?

Was muss man als UN-Beobachter denn alles mitnehmen?

D:
Eigentlich nehme ich alles mit, weil ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt. Zuerst die persönliche Ausrüstung, dazu zählt natürlich die Schutzweste, aber auch einige Lebensmittel und die ABC-Maske.

P: Dazu zählt eben auch der kleine Wasserkocher.

Fahrzeug steckt in der Wüste fest

In der Wüste: Sich festzufahren kann lebensgefährlich sein (Quelle: UN Photo/Perret)Größere Abbildung anzeigen

Was sagen denn ihre Familien dazu?

P: Also, meine Frau kennt meinen Beruf und trägt das mit.

D: Mir war das wichtig, dass alle in meiner Familie den Einsatz ebenfalls mittragen. Ich erkläre es ihnen aber auch, da sie auch zur Schule gehen und bestimmte Geschehnisse mitbekommen. Sie fragen natürlich, da sie wissen, dass in Afrika auch geschossen wird, ob ich eine Pistole dabei habe. Da es ja ein UN-Militärbeobachter-Einsatz ist, sage ich dann, dass ich keine Waffe haben werde, dass sie sich aber nicht sorgen braucht. Meine „kleine“ 11-jährige Tochter findet es natürlich nicht gut, dass ich weg gehe, aber ich sage immer, Papa kommt ja auch gesund wieder.

Was denken Sie, wird Sie in der Westsahara erwarten?

D:
Gespannt bin ich auf das neue kulturelle Umfeld, während ich im Süd-Sudan eher christliche Schwarzafrikaner getroffen habe, werde ich nun eher mit muslimisch geprägten Nordafrikanern zusammen arbeiten. Ich jedenfalls habe mich durch meine beiden Einsätze in Afrika verliebt, das liegt an der Landschaft und an den freundlichen offenen Menschen.

Zudem ist es immer interessant, in einem multinationalen Team zu arbeiten. Auch findet bei einer solchen UN-Mission immer ein großer kultureller Austausch statt, woraus man wieder neue Eindrücke gewinnt. Da gilt es, mit viel Toleranz und Akzeptanz sich in dem Team und in die Region einzuarbeiten. Das ist immer eine große Herausforderung.

P: Auch ich war schon öfters in Afrika und mich interessiert dieser Kontinent. Zudem wollte ich gerne einmal für die UN arbeiten, um auch mal eine andere Arbeitsweise kennen zu lernen.

Was lernen sie hier im Einsatzführungskommando?

D:
Hier in Potsdam werden wir im Detail auf die sechs Monate vorbereitet. Das beginnt bei den geographischen, kulturellen und politischen Grundlagen. Dazu gibt es eine persönliche Vorbereitung, indem wir beispielsweise mit sanitätsdienstlichen Hinweisen und Materialien ausgestattet werden. Es wird auch Kontakt zwischen Einsatzführungskommando und Familien aufgebaut, damit diese im Notfall wissen, wer ihr Ansprechpartner ist.

Wie sieht es mit der Kommunikation in den Teamsides aus. Kann man skypen und mailen?

D:
Die Teamsides sind generell mit Satellitenkommunikation (SatCom) ausgestattet. Darüber läuft beispielsweise die dienstliche Kommunikation zwischen den Teamsides und zwischen Teamsides und Hauptquartier. Dazu sind wir mit mobilen SatCom-Geräten ausgestattet. Die private Kommunikation ist über das UN-Netz sicher gestellt.

Spielt auch das Geld eine Rolle in die Westsahara zu gehen?

D:
Das Geld darf nicht der Hauptgrund sein, das ist meine persönliche Meinung, sonst würde man auf längere Zeit ziemlich großen Frust erfahren. Das Gesamtpaket muss stimmen. Der Dienst muss interessant sein und man sollte etwas mitnehmen und sei es nur Erfahrungen.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Björn Jüttner


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