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In ihrer Trauer wie Verwandte (2)

Berlin, 16.11.2012, Chrismon.
Drei Bundeswehrsoldaten starben am 18. Februar 2011 bei einem Anschlag in Afghanistan. Drei Mütter müssen das verkraften. Dabei sind sie einander nähergekommen.

Soldaten tragen die Särge ihrer Kameraden

Traurige Heimkehr: Ankunft der Gefallenen in Nürnberg (Quelle: Bundeswehr/Kazda)Größere Abbildung anzeigen

Den Jahrestag des Attentats haben die drei Familien mit den Kameraden ihrer Söhne in der Kaserne verbracht. Der Leiter des damaligen Rettungseinsatzes war da. Renate Kurat sagt, dass das wichtig war, weil sie noch mehr über die letzten Minuten von Georg erfahren habe. Hat er noch etwas gesagt? War er sofort bewusstlos? Das sind die Fragen, die die Mütter quälen, auch Tanja Menz.

Jedes Detail ist wichtig, das ihr dabei hilft zu wissen, dass Konstantin nicht leiden musste. Wie oft ist er wiederbelebt worden? Waren es zwei Einschusslöcher am Hals oder ein Durchschuss? Sie hat den medizinischen Bericht gelesen, und sie haben ihr gesagt, dass er bewusstlos war. „Wenn es nicht so wäre, würden sie es einem sagen?“

Ein schwerer Tag für die Mütter? „Mei“, sagt Renate Kurat. „Wenn man den Tag heute zu Hause verbracht hätte . . . “Sie bricht ab. „Man wäre dann nicht in der Gemeinschaft gewesen.“ „Genau“, sagt Tanja Menz. „Für mich sind die Tage davor und danach schlimmer.“

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Ziemlich beste Freundinnen

Potsdam, einige Wochen später. Renate Kurat, Tanja Menz und Maria Missulia haben gerade das Schloss Sanssouci besichtigt. Heute Abend beginnt ein Hinterbliebenenwochenende in Berlin. Solche Wochenenden gibt es mehrmals im Jahr, sie gehören zum Betreuungsprogramm der Bundeswehr für die Familien der Gefallenen. Bis heute sind in Afghanistan 52 deutsche Soldaten ums Leben gekommen.

In Potsdam spazieren die Frauen durch den Park Sanssouci und haben sich wie immer eine Menge zu erzählen. „Bapbapbapbapbap“, sagt Peter Missulia, der auch dabei ist und sich darüber wundert, wie viel Frauen reden können.

Es wird viel gelacht und gescherzt an diesem Nachmittag. Zwei Stunden später aber sitzen die Mütter in einer Tagungsvilla am Wannsee, und Maria Missulia knetet ein Taschentuch in ihren Händen und erzählt schluchzend, dass ihre Enkeltochter nur aus Erzählungen wissen wird, wer ihr Papa ist. Renate Kurats Blick geht leer zum Fenster hinaus.

Und Tanja Menz, die vielleicht Fröhlichste von allen, erzählt, wie weh es tut, wenn Freunde sich abwenden, weil sie nicht damit umgehen können, dass ihr Kind tot ist. „Manche rufen an und ich überlege, ob ich überhaupt sagen kann: Ich war gerade auf dem Friedhof.“ Weil sie genau wisse, dass es dann am anderen Ende der Leitung wieder komisch wird.

„Man muss natürlich nicht dauernd darüber reden“, sagt Tanja Menz. „Aber es sollte auch nicht totgeschwiegen werden.“ Seit Konstantins Tod seien manche Freundschaften enger geworden, andere jedoch zerbrochen. „Wenn man schlecht drauf ist, denkt man, dass man den anderen die Laune verdirbt. Und wenn man gut drauf ist, denkt jeder: Warum ist die denn jetzt so fröhlich?“

Die anderen Frauen kennen das Auf und Ab und wissen, dass die Stimmung von einem Moment zum anderen kippen kann. Und so sind sie abwechselnd zusammen fröhlich und traurig, und keiner muss sich verstellen. Hätte es den 18. Februar nicht gegeben, hätten sie sich nicht kennengelernt. Aber weil es ihn gab, sind sie jetzt Freundinnen. Ziemlich beste Freundinnen.

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Den Mörder verstehen wollen

Dass aus trauernden Angehörigen enge Freunde werden, ist eine Ausnahme. Diesen Müttern aber tut es gut. Intuitiv haben sie den vielleicht besten Weg gewählt, mit ihrem Verlust klarzukommen. Anderen Angehörigen geht es psychisch viel schlechter, das wissen sie von den Hinterbliebenentreffen. „Wir haben Leute getroffen, die ganz allein sind“, sagt Renate Kurat.

„Ich glaube, da verbittert man mehr.“ „Wir haben schon Glück“, sagt Tanja Menz. „Das ist ja schon wie Verwandtschaft bei uns“, sagt Maria Missulia. Die Sonne scheint über der Bayerwaldkaserne, es ist Frühling geworden in Deutschland. Wieder einmal treffen die Eltern sich an dem Ort, wo ihre Söhne lange gelebt haben. Am Ehrenmal der Kaserne legt Renate Kurat drei Rosen nieder. Im Hintergrund knattert ein Panzer vorbei.

Im nächsten Jahr werden wieder Soldaten aus Regen nach Afghanistan in den Krieg ziehen. Dieser Krieg – natürlich haben sich auch die Mütter von Georg Missulia, Konstantin Menz und Georg Kurat mit ihm beschäftigt. Hinter der Frage, wie viel Sinn der Einsatz der Bundeswehr macht, steckt schließlich auch die Frage, wofür ihre Söhne gestorben sind. Getötet von einem Soldaten der afghanischen Armee, der mit den Deutschen zusammenarbeitete, monatelang.

Und der dann im gemeinsamen Lager losschießt. Tanja Menz hat viel darüber nachgedacht, warum. Und sagt, dass sie ihn nicht verurteilt. Weil sie nicht wisse, wie es sei, in einem Land groß zu werden, in dem immer nur Krieg ist, in dem es keine Perspektive gibt. Sayed Afzal war 19 Jahre alt. Sie wüsste gerne mehr über den Mörder ihres Sohnes. Um zu verstehen. Und dann vielleicht zu verzeihen.

Ehrenhain in Masar-i Scharif

Ort des Gedenkens: Der Ehrenhain für Gefallene in Masar-i Scharif (Quelle: Bundeswehr/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

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Als könnte er jederzeit wiederkommen

2014 endet der NATO-Einsatz in Afghanistan. Dann werden auch die deutschen Truppen das Land verlassen.* Tanja Menz sagt, dass sie nicht versteht, warum ausgerechnet in zwei Jahren. Für sie gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder man bleibe richtig lange dort oder man könne auch gleich rausgehen. „Ich finde es komisch, wenn ich höre, dass man nicht sofort rausgehen kann, weil dann die Toten umsonst gewesen sind“, sagt sie. „Ich glaube, dass es in zwei Jahren vielleicht auch nicht so viel anders sein wird.“

Im Haus von Familie Menz geht der Familienalltag so normal wie möglich weiter. Sie habe noch drei andere Kinder, sagt Tanja Menz. „Die können ja schließlich nichts dafür.“ Die vier Kinderzimmer sind im ersten Stock, die Tür zu Konstantins Zimmer steht offen. Ein Jungsraum mit einem Schlafsofa und Postern von Edvard Munch und der Band „Him“ an den Wänden. Im Regal Fantasybücher. Es sieht so aus, als könnte er jederzeit wiederkommen, wären da nicht die gefaltete Deutschlandflagge und der Gefechtshelm auf dem Nachttisch.

Und die zwei Kisten mit seinen Sachen aus Afghanistan. Menz hat sie so gelassen, wie sie ankamen, mit seinem ISAF-Ausweis, dem Handy und den Turnschuhen, an denen noch der Wüstensand hängt. Im Flur und im Wohnzimmer stehen und hängen Bilder der vier Kinder. Konstantin als Kind, Konstantin im Urlaub, Konstantin mit seiner Freundin. Daneben Bilder seiner beiden Schwestern und des Bruders.

Letztens hat Tanja Menz ein Foto von Georg Missulias Tocher Annika zu den Kinderbildern aufs Wohnzimmerregal gestellt. In den Kalender im Flur hat sie auch die Geburtstage von Georg Kurat und Georg Missulia notiert. Sicher wird sie an diesen Tagen ihre Mütter anrufen. „Unsere Kinder sind jetzt zusammen“, sagt sie. „Und wir sind das eben auch.“

* Anmerkung der Redaktion: 2014 endet der ISAF-Einsatz der NATO in Afghanistan. Es wird aber wahrscheinlich eine Folgemission geben, deren Schwerpunkt bei der Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte liegt.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Nicola Meier


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