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Der Afghanistan-Blog von Norman H.

Einsatzfahrzeuge im Feldlager
Wichtige Aufgabe im Hintergrund: Kein Einsatz ist ohne Logistik denkbar (Quelle Bundeswehr/Bienert)

Masar-i Scharif, 05.11.2012.
Oberleutnant Norman H. ist Nachschuboffizier in der Panzergrenadierbrigade 41 Vorpommern in Torgelow. Von März bis September 2012 war sein Arbeitsplatz die Stabskompanie des deutschen Einsatzkontingents im nordafghanischen Masar-i Scharif. Dort wird er als S4-Offizier, stellvertretender Kompaniechef und Gefahrgutbeauftragter seinen Dienst unter ISAF-Kommando verrichten.


15. September: Endlich nach Hause

Norman H. im Kanu auf dem Wasser
Norman H. endlich wieder bei Familie, Haus und Hund (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Heute vor 191 Tage bin ich nach Afghanistan aufgebrochen, und ich kann es kaum erwarten, wieder ganz und gar zu Hause zu sein. In den vergangenen Tagen habe ich meine Dienstgeschäfte an meinen Nachfolger übergeben und ihm die Tricks und Kniffe für den täglichen Arbeitswahnsinn gezeigt. Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass die Arbeit mit gleichem Schwung weitergeführt wird.

Wie wir selbst vor Monaten die Kompanie übergeben bekommen haben, haben auch wir am 12. September die Kompanie an unsere Nachfolger übergeben. Der Gedanke, nicht mehr in der unmittelbaren Verantwortung zu sein, beflügelt mich, und die zähe Abarbeitung des Laufzettels im Camp macht fast Spaß. Dieser dient dazu, zu Dutzenden wichtigen Stellen zu gehen, Leihsachen zurückzugeben oder sich aus dem Einsatz abzumelden. Gern wird von „Abfliegern“ die Situation genutzt, um den Kameraden die Anzahl der noch verbleibenden Tage oder Stunden neckisch unter die Nase zu reiben.

Irgendwie war alles in den vergangenen Tagen zum letzten Mal. Letzte Besprechung, letztes Antreten, letztes Frühstück. Das Prozedere mit dem Flieger von Masar-i Scharif zum usbekischen Termes und der Weiterflug nach Deutschland ist das gleiche wie bei meinem kurzen Urlaub vor zwei Monaten. Mit einem Unterschied: Nach insgesamt einem halben Jahr zerrt jede Minute, die ich auf die Abfertigung an den Flughäfen warten muss, an meinen Nerven. Auch merke ich an den ständigen Kommentaren, dass der eine oder andere sehr dünnhäutig und gereizt ist.

Wir haben es durch das Zusammenkratzen der nötigen Anzahl von 50 Willigen geschafft, dass der militärische Airbus A-310, bevor er in Köln-Bonn landet, Zwischenstopp in Berlin macht. Dieses verkürzt die Heimreise für uns alle um Stunden. Trotz des sechsstündigen Fluges kann ich nicht schlafen, so sehr freue ich mich auf zu Hause. Erlöst merke ich, wie das Flugzeug pünktlich auf der Landebahn in Berlin-Tegel aufsetzt. Wir verlassen den Flieger und meine Lungen füllen sich mit kühler Berliner Luft. Mag sein, das mancher mir einen Vogel zeigt und meint, dass City-Mief am Flughafen echt ätzend ist, aber nach Monaten mit Temperaturen von weit über 30 Grad und nur Steinen und Staub um mich herum, finde ich es momentan einfach nur schön.

Ich werde vom Flughafen abgeholt, das wurde mir versprochen. Den kurzen Fußmarsch zum Terminal nutze ich, um meine Telefonkarte einzusetzen und eine erste „Bin gelandet“-SMS zu schreiben. Aber noch sind wir alle von unseren Familien durch eine Doppeltür aus Metall getrennt, die nur zwei Bullaugenfenster hat.

Dutzende Gesichter schauen abwechselnd da durch und versuchen einen Blick auf die ankommenden Soldaten zu erhaschen. Es fließen schon erste Freudentränen. Doch erst muss die Bodencrew unsere Rucksäcke dem Eisenvogel aus der Ladeluke entreißen. Die Zeit wird von den meisten Soldaten genutzt, um sich voneinander zu verabschieden. „Mach‘s gut“, „War schön mit dir“ oder „Wir hören voneinander“ sind knappe Verabschiedungen, die sich gegenseitig zugerufen werden. Zum langen Reden war ein halbes Jahr Zeit.

Endlich habe ich meinen Rucksack und kann auch die Halle verlassen. Die Wartehalle ist prall gefüllt mit Menschen. Manche haben Blumen mitgebracht, mal warten ganze Großfamilien mit Hund, mal einzelne Frauen oder Männer auf ihre Liebsten. Und da sehe ich meine kleine Familie. Riesig unsere Freude. Dann schnell ab ins Auto, bloß weg hier, nach Hause. Schön ist es wenn man nach Hause kommt und alles so gewohnt aussieht, als wäre man nie weg gewesen. Meine Familie hat es in den letzten Monaten geschafft, alle anfallenden Arbeiten zu erledigen, die ich sonst mache. Das ist toll. Aber wir sind gleichermaßen froh, wieder jeder seine Aufgaben als eingespieltes Team zu haben, seinen Platz zu Hause.

Um wieder auf Stand zu kommen, was Familie, Freunde und Bekannte in den letzten Monaten getrieben haben und um nicht zig Mal dasselbe über den Einsatz erzählen zu müssen, gibt es für mich nur eine Lösung: Lagerfeuer bei uns zu Hause. Ich mache jetzt ein paar Tage Urlaub und bin dann gespannt, was in meiner Dienststelle in Torgelow auf mich zukommt.

Um meinen ISAF-Auslandseinsatz nachzubereiten werde ich Ende Oktober ein Nachbereitungsseminar besuchen. Darüber werde ich in meinem letzten ISAF-Blog berichten.

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10. September: Orden und Auszeichnungen

Soldat wird Orden angesteckt
Bleibendes Zeugnis für erbrachte Leistungen: Die Einsatzmedaille (Quelle: Bundeswehr)

Das letzte Antreten der „alten“ Stabskompanie soll großartig werden. Unser Kompaniechef hat hierfür genaue Vorstellungen. Die Berge des Hindukusch, auf die wir ein halbes Jahr Tag für Tag geblickt haben, sollten wir auf jeden Fall während des Festaktes sehen können. Aber wie so oft in Masar–i Scharif, hat ein kräftiger Sandsturm uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wer schon mal eine alte staubige Lagerhalle ausgefegt hat, kann sich vorstellen was hier alles durch die Luft fliegt.

Klar gibt es für einen solchen Fall einen Plan B, aber er ist halt nur zweite Wahl. In einem kleinen Saal der Betreuungseinrichtung Planet Masar sind wir ähnlich der Figuren eines voll besetzten Schachfeldes in mehreren Reihen angetreten. Der geplante Ablauf ist schnell erklärt. Der Kompaniechef hält eine Rede, besondere Leistungen werden gewürdigt und alle Soldaten werden für den ISAF-Auslandseinsatz mit einem Orden der Bundesrepublik Deutschland und der NATO ausgezeichnet.

Die Kunst liegt bei dieser Verantsaltung darin, für die Soldaten einen unvergesslichen Augenblick zuschaffen. Dem Anlass entsprechend und im Hinterkopf das Einsatzende beginnt der Chef beschwingt seine Rede. Ohne Übertreibung, von der ersten Minute an war es mucksmäuschenstill in dem kleinen Saal. In der Rede geht es nicht um große internationale Politik, sondern um viele kleine Geschichten, Erlebnisse und Anekdoten der vergangenen Monate, die er und wir alle gemeinsam erlebten.

Es ist eine ganz persönliche Rede, in der er vielen aus der Seele spricht, wenn er erzählt wie der Einsatz ihn, seine Familie und seine Freunde veränderte. Besonders betont er, wie unendlich seine Freude ist, mit uns allen gesund und munter Afghanistan zu verlassen. Auf einem Musikkonzert hätte es sicher Jubel und Zugabe-Rufe gegeben, in preußischer Tradition bekommen wir einen Militärmarsch zu hören. Drei unserer Soldaten haben in den letzten Monaten nicht nur ihre eigene Aufgabe überragend erfüllt, sondern zusätzliche Aufträge übernommen.

Dieses wird hier und heute vor allen Anwesenden gewürdigt. Bestpreise und Urkunden werden verdient verliehen. Zum Schluss und als längster Part der Veranstaltung werden an jeden Soldaten die zwei Orden durch den Kompaniechef verliehen. Ein strenges Reglement schreibt vor, wer wie lange im ISAF-Einsatz sein muss, um den Orden der Bundesrepublik Deutschland in Bronze, Silber oder Gold verliehen zu bekommen. Um das Antreten nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sind die Orden bereits am jeweiligen Namensklettband befestigt.

Der Chef geht durch die Reihen und heftet jedem seine Orden an die Uniform, wird nicht müde, Hände zu schütteln und sich bei jedem Kameraden für den Einsatz zu bedanken. Über Orden und Ehrenzeichen generell darf man geteilter Meinung sein, aber in diesem Fall empfinde ich sie als ein bleibendes Zeugnis, an der Uniform weithin sichtbar, für erbrachte Leistungen, die sich vom Normalbetrieb in der Kaserne in Deutschland deutlich unterscheidet und von jedem mit Stolz getragen werden sollte.

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24. August: Feldlager Kundus

Feldlager Kundus
Im Brennpunkt: Das Feldlager in Kundus (Quelle: Bundeswehr/Kaiser)Größere Abbildung anzeigen

Meine Aufgabe als Gefahrgutbeauftragter ISAF erfordert es, dass ich bei entsprechender Sicherheitslage auch mal bei den anderen Feldlagern nach dem Rechten schaue. Diesmal geht es nach Kundus. Meist haben die Verantwortlichen für den Transport von Gefahrgut alles im Griff, und somit muss ich ihnen nicht zu sehr auf die Nerven gehen. Keiner hat Topfgucker gern, aber auch niemand möchte, dass ein falsch beladenes Flugzeug notlanden muss.

Viele Wege führen nach Rom, doch zum Feldlager Kundus gibt’s für mich nur einen – den mit dem Flugzeug. Sicher und fast bequem sitze ich am frühen Morgen in dem Transportflugzeug Tansall der Luftwaffe. Nach 50 Minuten Flugzeit spuckt es unsere große Gruppe reisender Soldaten am, von armenischen Soldaten bewachten, Flughafen aus. Da sich nicht nur deutsche Soldaten an Bord befinden, gibt es vom Flughafenmeister die Einweisung und Verhaltensweisen auf Englisch.

Auch wer nichts verstanden hat, der Herdentrieb bricht Sprachbarrieren und alle bewegen sich Richtung einer wartenden Lkw-Kolonne. Das Shuttlen vom Flughafen zum Camp erfolgt mit einem Taxi der besonderen Art. Wegen der Bedrohung durch Straßenbomben wurde vor rund einem Jahr ein Container für die Personenbeförderung, der von einem Lkw transportiert wird, im Einsatzgebiet eingeführt. Sieht aus wie ein See-Container ist aber stark gepanzert und mit Sicherheitssitzen ausgestattet.

Aus Sicherheitsgründen gibt es nur sehr kleine Fenster, aus denen ich nicht schauen kann, und somit komme ich mir ein wenig gefangen vor. Ist aber kein Problem, die Fahrt vom Flughafen ins Camp dauert nur wenige Minuten. Kaum habe ich mich aus dem Container gequält, fällt mir sofort das Holzschild „Willkommen im Lummerland“ ins Auge. Hier fährt zwar keine Eisenbahn, aber es könnte der Hinweis auf eine Insel umgeben von der Unwirklichkeit sein, denn nach Spaß und guter Laune sieht es hier nicht unbedingt aus. Die nächsten Stunden widme ich mich meiner Arbeit.

Da ich hörte, dass die Luft hier wesentlich besser sein soll als in Masar–i Scharif, habe ich vorsorglich meine Laufschuhe mitgebracht. Abends nutze ich die Gelegenheit für einen Lauf rund ums Feldlager. Schon nach wenigen Minuten bin ich einmal innen am Zaun herum. Jetzt geht es kreuz und quer weiter und ich muss sagen: klein aber fein dieses Camp. Bäume, Büsche und sogar kleine Rasenflächen verwöhnen meine Stein und Staub gewohnten Augen. Als Besucher bin ich im sogenannten „Holzhausen“ untergebracht, ähnlich Holzhütten im Ferienlager.

Später am Abend will mir einen Überblick über das Betreuungsprogramm vom Camp Kundus verschaffen und beschließe, die „Lilli-Bar“ zu besuchen. Hier werde ich von einem familiären Flair überrascht. Tischkicker, Billard und Darts werden rege genutzt. Eine kleine Couch lädt mich zum Sitzen ein und ich genieße durchaus die kleinen Unterschiede zwischen den beiden Feldlagern. Die kleine Bar ist sehr gut besucht, es herrscht gute Stimmung. Plötzlich wird es schlagartig still. Der Führer der Betreuungseinrichtung hält sein Funkgerät in die Höhe.

Für alle deutlich wahrnehmbar fordert eine Stimme alle Soldaten auf die Schutzbauten aufzusuchen. Laute Sirenen würden den Feind auf den entdeckten Anschlag aufmerksam machen. Zügig, aber nicht ohne Murren, verlassen alle die Einrichtung und lassen alles stehen und liegen was den Abend bisher angenehm machte und gehen zu ihren Unterkünften. Als Besucher habe ich in den ersten Stunden im Feldlager Kundus eine Einweisung bekommen, was jeder im Alarmfall zu tun oder zu lassen hat. Klar war, als Bewohner von Holzhausen kommt auf Grund der Nähe als Schutzbau nur das Gebäude der Betreungseinrichtung „Lummerland“ infrage.

Hier werde ich in Obhut genommen und nach Angabe meiner Personalien kann ich mich im Inneren frei bewegen. Logisch, dass ich wissen will, was los ist. Es gab eine Warnung, über eine auf das Camp gerichtete Rakete oder Ähnliches. Aus der Ferne werden diese auf primitiven Abschussrampen gegen ISAF-Camps Pi mal Daumen ins Ziel gebracht und abgefeuert. Bis der Alarm vorbei ist, ist warten angesagt. Glück im Unglück, wenigstens kommt etwas Interessantes im Fernsehen und ich bin abgelenkt.

Um 3.15 Uhr wird bei uns der Alarm aufgehoben und ich schleppe mich müde zu meiner Unterkunft. Heute habe ich persönlich eine von vielen Gefahren erlebt die hier auf uns lauern. Gott sei Dank ohne Folgen.

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29. Juli: Die Drei von der Tankstelle

Einsatzfahrzeug wird von Soldaten betankt
Sprit für den Fuchs: Die Tankstelle versorgt auch große Fahrzeuge mit Treibstoff (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Stabskompanie betreibt die Tankstelle für das gesamte Feldlager Camp Marmal und versorgt täglich hunderte Fahrzeuge mit Kraftstoff. Manager der „Tanke“ ist Obermaat Sebastian S. Unterstützt wird er vom Stabsgefreiten Robbin S. und von Ahmad Azyr. A.

Benzin wird täglich von einer einheimischen Firma geliefert. Das Lieferfahrzeug ist durchaus im landestypischen Zustand. Funktionalität steht hier deutlich im Vordergrund. Kleine Reparaturen mit grobem Werkzeug begleitet von einem unablässigen Diskutieren unter den afghanischen Fahrern amüsiert und unterhält die wartenden Kunden. Ob Amerikaner, Mongole, Kroate, Niederländer oder Deutscher – jeder muss anschließend zur Abrechnung ins Büro kommen, aber nicht jeder spricht Englisch oder Deutsch. Obermaat Sebastian S. versteht sie dennoch alle.

Nimm reichlich, ich geb‘s gern“, ist nur einer seiner humorvollen Sprüche, die er seinen Neukunden zuruft, wenn sie fragend auf die XXL-Zapfpistole für LKW und Panzer blicken, die sie statt der für PKW gegriffen haben. Zur Unterstützung der beiden deutschen Soldaten ist eine afghanische Ortskraft eingestellt: Ahmad Azyr A. hilft sechs Tage die Woche dabei, dass bei der Betankung und rund um die Tankstelle alles reibungslos abläuft. Die „Drei von der Tankstelle“ verbringen seit Monaten viele Stunden miteinander, so sind ihnen gegenseitig kulturelle Bräuche durchaus bekannt. Die Verständigung mit Ahmad läuft meist auf Englisch, manchmal mit Händen und Füßen oder per Schulterzucken.

Es gibt keinen Soldat hier im Camp, der nicht Kontakt mit den afghanischen Ortskräften hat, die hier mit uns gemeinsam arbeiten. In der Fitnesshalle betreuen sie die Sportgeräte. Sie reinigen das Feldlager sowie die Flure und Sanitärbereiche in den Sheltern, arbeiten auf den zahllosen Baustellen oder sind gefragte Handwerker sowie Helfer in den Betreuungseinrichtungen.

Den Ramadan als Fastenmonat bekommen wir hier im muslimen Afghanistan erstmals unmittelbar mit. Eine Informationskarte mit den wichtigsten Regeln des Ramadan, für jeden Soldaten im Voraus ausgegeben, soll das Verständnis im Umgang mit einer anderen Kultur wecken. So die Theorie. Praktisch bedeutet das für die Jungs der Tankstelle, einen Monat lang im Beisein von Ahmad nicht essen oder trinken, mehrfach tägliches Beten respektieren und Rücksicht auf die veränderte, körperliche Verfassung nehmen. Fachleute sprechen hier von interkultureller Kompetenz. An der „Tanke“ heißt es einfach gegenseitige Achtung und höflicher Umgang.

Wenn man die beiden Soldaten nach ihrer besten Tankstellen-Geschichte fragt, sind sie sich lachend einig: Ein Toyota PickUp fuhr auf die Tankstelle. Einem Reifen fehlte reichlich Luft, und der Fahrer hatte es wohl sehr eilig, sonst hätte er bemerkt, dass man mit einem für den Brandfall aufgestellten Feuerlöscher wirklich keine Reifen aufpumpen kann. Auch wenn das Griffstück des Feuerlöschers deutlich nicht auf das Reifenventil passte, betätigte er mit Schwung den Auslöser. Mehr als erstaunt verpasste er so Fahrzeug und Tankstelle mitten im Hochsommer einen Hauch von Pulverschnee.

Meine Zeit in Afghanistan neigt sich nun dem Ende zu. In den nächsten Tagen werde ich die Heimreise nach Deutschland antreten. Ich danke allen Lesern schon jetzt für das entgegengebrachte Interesse.

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15. Juli: Im Tanklager in Hairatan

Soldat schaut auf das Tanklager
Explosiver Arbeitsplatz: Das Tanklager in Hairatan (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Wenn man in Afghanistan in einem Kraftstofflager mit mehreren Millionen Litern Benzin steht und diese analysieren soll, dann braucht man Bundeswehrspezialisten. Dazu gehört seit Neuestem der ABC-Abwehrzug der Stabskompanie. Die Abkürzung ABC steht nicht für Schulanfänger, sondern meint die Profis für atomare, biologische und chemische Stoffe.

Oberfeldwebel Sabin B. hat den Auftrag, als ABC-Aufklärungsfeldwebel vielen Chemiefabriken in Nordafghanistan in den „Kochtopf“ zu schauen und Lager für Petroleum, technische Gase, Düngemittel und Benzin hinsichtlich ihres Gefahrenpotenzials zu prüfen.

Unsere Kfz-Gruppe mit ihren geschützten und wehrhaften Fahrzeugen übernimmt hierfür die Force-Protection. Mit an Bord ist diesmal der schwedische Hauptmann Björn, der uns fachlich unterstützt. Nach den üblichen Einweisungen in Strecke, Aufgaben und aktuelle Sicherheitsinformationen fahren wir das 80 Kilometer entfernte Ziel an. Hoch im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Usbekistan, liegt die kleine Stadt Hairatan. Bekannt geworden durch die Brücke der Freundschaft über dem Grenzfluss Imudarja, über die die letzten russischen Panzer Ende der 80er-Jahre aus Afghanistan abgezogen sind.

Heute steht hier ein Zentrum für Kraftstofflagerung in riesigen Dimensionen. Millionen Liter Benzin, die mit einer Pipeline aus Russland und Usbekistan ankommen, lagern hier und werden später auf ganz Afghanistan verteilt. Unser Auftrag lautet hier, Kontakte zu pflegen, Vertrauen zu schaffen und mit Fingerspitzengefühl über die Schulter zu schauen sowie das Gefährdungspotenzial sowohl für die ISAF-Truppen als auch für die Zivilbevölkerung einzuschätzen. Die Kontrollen führen wir immer ohne lange Vorankündigung durch. Entweder werden die Firmen direkt vor Abfahrt informiert oder von unterwegs – schließlich müssen wir aus Sicherheitsgründen unberechenbar bleiben.

Die Firmenbetreiber und deren Mitarbeiter sind stets kooperativ und sehen durchaus einen Nutzen in den Prüfungen. Während der fast zwei Stunden, die wir für die gesamte Strecke benötigen, schaue ich unentwegt durch die Panzerglasscheibe und durchlebe ein Wechselbad der Gefühle. Unbehagen in den engen überfüllten Straßen und dann wieder Erstaunen für die wechselnde Landschaft und Flora. Kaum angekommen, sitzen die Soldaten der Sicherung ab, der Rest verbleibt auf den Fahrzeugen und hält Kontakt per Funk. Ein Sprachmittler begleitet unser eingespieltes Team. Nach der Begrüßung am Eingangstor der Fabrik werden die Pförtner informiert, dass wir eingetroffen sind. Diese informieren ihre Chefs, die sich hier landesgemäß immer Präsidenten nennen.

Die kleine Gruppe ISAF-Soldaten, begleitet von Nahsicherern, wird vom Präsidenten persönlich auf das Firmengelände geführt und damit aus dem Sichtbereich der anderen, wartenden und sichernden Soldaten draußen. Bereitwillig werden großzügige Büros, Empfangsräume und die Infrastruktur präsentiert. Fühlen wir uns unsicher? Nein, denn wie ein „Steiff-Teddybär“ hat jeder Sicherer einen Funk-Knopf im Ohr, um in jeder Situation erreichbar zu sein. Bei der persönlichen Gesprächsrunde mit dem Präsidenten sind nur der deutsche Aufklärungsfeldwebel, der schwedische Aufklärungsoffizier und der Sprachmittler im Raum.

Die Stimmung ist gut, und es werden Getränke und Gebäck angeboten. Dann wird die Besichtigung außen fortgesetzt. Man stelle sich einmal vor: Man steht vor Dutzenden von Kraftstofftanks, jeder so groß wie ein Turm, mit Zigtausenden von Kubikmetern Benzin. Da muss von allen Beteiligten ein wachsames Auge gefordert werden. Bereitwillig öffnet der Präsident alle Türen, ein Zeichen für eine offene und verlässliche Zusammenarbeit. Die hauseigenen Labore zur Analyse des Kraftstoffes kommen aus Deutschland oder Amerika und sind auf dem neusten Stand der Technik. Nach der Besichtigung einer zweiten Firma geht’s wieder zurück nach Masar-i Scharif.

Der Ausfall einer Klimaanlage macht die Rückfahrt bei 60 Grad im Fahrzeug zum unfreiwilligen Saunagang. Sprüche, wann der nächste Aufguss stattfindet, und dass hierfür Minzöl fehlt, heben die Stimmung. Abends in unserem Feldlager werden die Proben analysiert, Berichte getippt sowie Gespräche, Fotos und Erlebnisse ausgewertet. Ein Blick in den Terminplan verrät, der nächste Präsident wartet schon.

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6. Juli: Urlaub vom Einsatz

Collage: Berge in Österreich und Buch-Icon
Bergwiesen statt Schotter und Beton: Ein Urlaubsgruß von Norman H. (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Hurra, man kann während des Einsatzes Urlaub machen! Wie so manches im Leben ist der leider nicht sicher planbar und an bestimmte Regeln gebunden. Bei mir hat es geklappt, und ich fliege für knapp zwei Wochen in den Urlaub. Die Meinungen meiner Kameraden über Urlaub im Einsatz gehen weit auseinander. Viele machen keinen Urlaub, weil sie ihren Angehörigen und sich selbst eine erneute Trennung ersparen wollen.

Andere fühlen sich mit der Aufgabe im Einsatz so verbunden, dass sie keinen Tag von ihrem Auftrag lassen können. Viele haben eine kürzere Einsatzzeit, sodass es von vornherein ausgeschlossen ist, Urlaub zu machen. Manche möchten auf nicht einen Euro Auslandsverwendungszuschlag verzichten.

Jeder dieser Gründe ist aus meiner Sicht vollkommen legitim, aber ich fliege nach Hause. Aus der Erfahrung meiner letzten Einsätze hatten wir uns entschieden, dass ich nach Möglichkeit nach vier Monaten Einsatzdauer heimkomme. Auch aus Erfahrung wollte ich aber auf keinen Fall direkt nach Hause fahren, wo ich wahrscheinlich von Freunden und Verwandten aus Interesse an meinen Einsatz gelöchert werde.

Wir entschieden uns für einen Wochenurlaub in Österreich, im Salzburger Land. Nur mit Familie und Hund. Der Plan war: Landung, Mietwagen, Berge. Es war genau die richtige Entscheidung, wobei nach vier Monaten Schotter und Beton in Masar-i Scharif die sattgrünen Wiesen auf den Almen und die klare frische Luft mir sehr unreal vorkamen. Ausgedehnte Bergwanderungen, Stadtbesichtigungen und schöne Gespräche ließen mich schnell den Einsatz in den Hintergrund drängen. Nach einer Woche Alpen hatte ich Lust, zu Hause mit Freunden am Lagerfeuer über die vergangenen Monate zu quatschen und so zu erfahren, was während meiner Abwesenheit alles passiert ist.

Aus den Nachrichten konnte ich entnehmen, dass es in Kundus einen Anschlag auf Soldaten meines Heimatverbandes gegeben hat. Wieder bin ich mit den Gedanken in der Ferne bei meinen Kameraden. Ich bin froh, die paar Tage frei gehabt zu haben und werde die letzten Einsatzwochen gemeinsam mit meinen Mädels und Jungs hinter mich bringen.

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22. Juni: Til Schweiger in Afghanistan

Collage: Buch-Icon; Schweiger mit Einsatzsoldaten
Ein Star zum Anfassen: Til Schweiger in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Wenn in einem Action-Film eine Waffe abgefeuert, ein Panzer bewegt oder ein taktisches Problem gelöst wird, weckt das den schlummernden Experten in jedem Soldaten. Der Schauspieler Til Schweiger hat sich in der „Höhle der Löwen“ dieser Herausforderung gestellt. Er ist nach Afghanistan geflogen, um in Masar-i Scharif seinen aktuellen Actionfilm „Schutzengel“ als Weltpremiere vor ISAF-Soldaten zu präsentieren.

Begleitet wird er von seiner Freundin, Teilen seines Filmteams und Reportern von Spiegel und Bild. In dem Actionfilm spielt er einen Ex-Kommandosoldaten der Bundeswehr. In den Nebenrollen sind seine Tochter als Schutzbefohlene und der Schauspieler Moritz Bleibtreu als kriegsversehrter Afghanistan-Veteran zu sehen.

Til Schweiger präsentiert nicht nur seinen Film, sondern ist an der Arbeit und am Leben der Soldaten hier im Afghanistan sehr interessiert. Er hat sich selbst ein straffes Programm auferlegt, um möglichst viele Eindrücke mit nach Hause zu nehmen. Reichlich Kameradinnen und Kameraden legen sich für Schweiger tüchtig ins Zeug. Sie machen freiwillig, neben ihrer eigentlichen Tätigkeit, während seines Aufenthaltes vieles für ihn möglich. Eine Fahrt mit unserer Kfz-Gruppe und das Kennenlernen derer gepanzerter Fahrzeuge gehörten dazu, wie auch die Besuche des Feldlazaretts und des Ehrenhains für die gefallenen Soldaten.

Eine Idee von Schweiger ist, seinen Film zwei Mal vor großem Publikum und ein Mal im kleinen Rahmen zu zeigen. Die Fernmeldekompanie ISAF, unsere Schwesterkompanie, ist für die dritte Vorführung im eher familiären Kreis der ideale Austragungsort. Es wird gewerkelt, aufgebaut und improvisiert, um ein nahezu ideales Freiluftkino zu bauen. Was kann es am Kontingent-Ende der Fernmelder für einen größeren Paukenschlag geben, als eine Weltpremiere und dann ein EM-Fußballspiel gemeinsam mit Til Schweiger zu schauen? Nicht nur Til Schweiger, sondern alle Soldaten die an diesem Abend vor Ort sind, sehen, mit wie viel Liebe zum Detail der Abend vorbereitet wurde.

Mit Beifall werden die persönlichen Dankesworte an die Soldaten von Til Schweiger belohnt. Nach dem Film ist bis zum EM-Spiel Deutschland gegen Griechenland ausreichend Zeit, in der er sich unter die Soldaten mischt. Geduldig signiert er Autogrammkarten, posiert mit Soldaten für Erinnerungsfotos und verschenkt bereitwillig Freundschaftsarmbänder wie in seinem Actionfilm.

Til Schweiger hat mit seiner Anwesenheit und seinem Film vielen Soldaten abseits des Einsatzalltages ein paar unterhaltsame Stunden bereitet. Zum Dank haben die Jungs und Mädels ihm einen tiefen Einblick in ihren persönlichen Einsatzalltag gewährt. Somit steht es in der Partie eins zu eins. Vielleicht gibt es ein Rückspiel in Deutschland, wo Soldaten mal einen Einblick in seinen Arbeitsalltag bekommen.


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10. Juni: Kompaniechef auf Zeit

Collage: Norman H. am Telefon; Blende mit Buch-Icon
Einsatz mit viel Verantwortung: Norman H. als Chef (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Gute militärische Tradition ist, dass es in jeder größeren Ansammlung von Soldaten einen gibt, der bestimmt. In der Stabskompanie hier im Einsatz ist das der Kompaniechef Major Frank F.

Immer wenn er auf Tour außerhalb unterwegs ist, vertrete ich ihn hier im Camp Marmal. Mehrfach war ich schon als Vertreter eines Kompaniechefs in Deutschland eingesetzt, aber hier im Einsatz, verantwortlich für über dreihundert Soldaten zu sein, ist eine deutlich größere Herausforderung. Gewöhnlich ist er nach ein bis zwei Tagen wieder zurück und somit mein Eingreifen in weitreichende Entscheidungen nicht notwendig. Doch jetzt geht der Chef für zwei Wochen nach Deutschland in den Urlaub und somit habe ich für die Zeit die volle Verantwortung über die Kompanie und alle disziplinar unterstellten Soldaten.

In den vergangenen Monaten hat es sich gezeigt, dass der Chef und ich viele Ansichten, Auffassungen und Meinungen teilen. Wir arbeiten Hand in Hand, somit habe ich für seinen Abwesenheitszeitraum keine Angst falsche Entscheidungen zu treffen, die später von ihm verändert werden müssen. Die Übergabe der Dienstgeschäfte geht schnell, da ich ohnehin in die meisten Vorgänge eingeweiht bin. Ein kurzer Blick in mein Dienstzimmer wird vom Chef mit „Ich bin dann mal weg“ kommentiert.

Mit Lob und Anerkennung kann man sich als Chef leicht beliebt machen. Aber auch in der Stabskompanie ist nicht jeden Tag Sonnenschein und auch negative Disziplinarmaßnahmen zählen zu den Aufgaben, die erledigt werden müssen. Hierfür stehen mir der Personalfeldwebel Oberfeldwebel Mandy S. und der Geschäftszimmersoldat Hauptgefreiter Maik W. in der gleichen professionellen Weise zur Seite wie für den Chef selbst. Es vergeht nicht eine Minute, in der es langweilig ist. Es gibt viele Erfahrungen, die ich in den letzten zwei Wochen gemacht habe und die mich sehr gefordert haben.

Kurz mit zwei Binsen gesagt: Es gab nichts was es nicht gibt, außer einen Anschlag auf meine mir unterstellten Soldaten und als „Hans Dampf in allen Gassen“ muss man immer für jeden Auftrag offen sein. Sehnsüchtig warte ich, dass der Kompaniechef wieder aus dem Urlaub kommt, weil ich dann in den Urlaub gehen kann.

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15. Mai: Strom für die Polizei

Collage: Soldaten laden Stromaggregat ab, im Hintergrund afghanische Polizeianwärter; Blende mit Buch-Icon
Unterstützung des Police-Trainingcenters: Afghanische Polisten erwarten sehnsüchtig den Stromgenerator (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Jeder kann sich glücklich schätzen, wenn er einen Schirrmeister hat, der Dinge durch bloßes Handauflegen wieder in Gang bekommt – und sollte das nicht helfen, immer einen Plan B in der Schublade hat. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Oberstabsfeldwebel Holger S. ein gefragter Spezialist auch außerhalb unserer Kompanie ist.

Holger, kannst du uns schnell helfen, sonst haben wir bald Dunkelmond im Polizeicamp“, lautet der Anruf von Polizeihauptmeister Bernd R. Der Hilferuf kommt aus dem deutschen Police-Trainingscenter, das sich unweit von unserem Camp Marmal befindet. Hier werden durch deutsche Polizisten, gemischt aus allen Bundesländern, Freiwillige zu afghanischen Polizisten ausgebildet. Die Ausbildung hier dauert drei bis zwölf Monate, und genau so lange sind unsere Kameraden der Polizei vor Ort.

In diesem Trainingscenter der German Police Projekt Teams, wie die Polizisten hier heißen, sorgen leistungsstarke Aggregate für Strom. Eines davon hat sich zum Sorgenkind entwickelt und soll durch unseren Schirrmeister auf Herz und Nieren geprüft und wieder instandgesetzt werden. Das geht nicht ohne Ersatzgerät. Kurzfristig wird das Projekt Strom für die Polizei ins Leben gerufen und ein Transport mit Ersatzgerät organisiert. In Begleitung eines wehrhaft gepanzerten Eagle IV macht sich die Lkw-Besatzung Stabsunteroffizier Axel M. und Stabsgefreiter Philipp S. auf den Weg zum Police-Trainingscenter.

Als der 15-Tonnen-Lkw beladen mit dem neuen Stromaggregat in das Trainingscenter fährt, haben wir alle Aufmerksamkeit der afghanischen Polizeianwärter. Diese haben gerade Pause und nach dem Aussteigen sind wir schnell von Neugierigen umringt. Hauptmeister Bernd R. kommt aus seinem Hörsaal und begrüßt das halbe Dutzend Soldaten herzlich wie alte Bekannte. Das kommt an.

Während örtliche Fachkräfte das alte gegen das neue Stromaggregat tauschen, bietet uns Hauptmeister Bernd R. eine Führung durch das Trainingscenter an. Das Aussehen des Police-Trainingscenters ähnelt einer kleinen deutschen Kaserne. Hier sind bis zu 800 afghanische Anwärter untergebracht. Ein eigener Schießstand, ein kleiner Sportplatz und eine Hindernisbahn sind die Grundlage für die Polizei-Ausbildung.

In gemauerten zweistöckigen Gebäuden sind die Unterkunfts-und Lehreinrichtungen untergebracht. In den Hörsälen werden moderne Medien zur Unterrichtung eingesetzt, an die sich wohl mancher Anwärter nur zögerlich gewöhnt. Die Schlafräume sind funktional eingerichtet. In Doppelstockbetten übernachten hier acht bis zehn Polizeianwärter. Gekocht wird in der eigenen Küche ausschließlich von Afghanen. Bernd R. betont, dass die traditionell afghanischen Speisen äußerst schmackhaft seien.

Zurück an den Fahrzeugen, ist gerade wieder Pausenzeit bei den Anwärtern. Als die absetzbare Ladefläche des Lkw mit dem darauf verzurrten, defekten Stromaggregat im 45 Grad Winkel auf das Fahrzeug gezogen wird, staunt der ein oder andere afghanische Beobachter über die Technik.

In den nächsten Tagen werden wir wiederkommen und den Tausch rückgängig machen. Zum Abschied werden wir von den beteiligten Polizisten als Dankeschön zu einem Grillen eingeladen. Die Standardantwort des Schirrmeisters darauf lautet: „Ne Wurst geht immer!“

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22. April: Überschwemmung in Sar-e Pol (2)

Collage: Bundeswehrfahrzeuge auf den schlammigen Straßen und Buch-Icon
Die gepanzerten Fahrzeuge kommen nur schwer voran (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Am nächsten Morgen bekommen wir den Auftrag zu prüfen, ob zwei für die Region wichtige Brücken durch die Flut zerstört sind. Mit unseren schweren Fahrzeugen gestaltet sich der Weg dorthin schwierig. Tiefhängende Stromleitungen, schmale Schotterwege und riesige Schlammlöcher lassen uns nur sehr langsam vorankommen.

Wie fahren an unzähligen zerstörten Lehmhütten vorbei. Erst hier, einige Kilometer von unserer Unterkunft entfernt, können wir das riesige Ausmaß der Zerstörung sehen. Und dann kommt der Moment, dass wir mit unseren schweren Fahrzeugen nicht weiterkommen.

Teile der Fahrzeugbesatzungen setzten die Erkundung zu Fuß fort. Oft in der Ausbildung geübt, jetzt Realität. Im Kopf kreisen Fragen wie: Was erwartet uns? Wie wird die Bevölkerung sich gegenüber uns verhalten? Mit was müssen wir alles rechnen? Nach einer kurzen Befehlsausgabe geht es los. Über Funk stehen wir ständig mit unseren Fahrzeugen und der Führung im Kontakt.

Das gibt ein Gefühl von Sicherheit. Nach drei Kilometern Fußmarsch in voller Ausrüstung bei 40 Grad, kommen wir an einen reißenden Fluss. Nirgends ist eine Brücke zu sehen. Die hilfsbereite Bevölkerung bestätigt unseren Verdacht, dass es hier früher zwei Brücken gab. Wir marschieren zurück zu den Fahrzeugen und fahren in stockdunkler Nacht zurück zu unseren Schlafplätzen. Während ein Teil von uns ruht, sichern Stabsgefeiter Alexander K. und Hauptgefeiter Nil B. die Umgebung.

Der nächste Tag beginnt und auf den Führer der Planning Cell, Major Steffen H., warten unzählige Besprechungen mit den lokalen Kräften. Auftrag für uns: den Zustand einer weiteren Brücke überprüfen. Wir kommen diesmal in eine Gegend, wo wirklich alles überschwemmt wurde. Mehrere Meter hoch muss hier das Wasser gestanden haben. Erneut zu Fuß unterwegs, bahnen wir uns unseren Weg, vorbei an Einwohnern die bereits mit dem Wiederaufbau beschäftigt sind. Eine Wahnsinnsaufgabe, wenn man die Zerstörung sieht. Wir erreichen die Brücke, unter der der Fluss noch weit über die Ufer getreten ist.

Die Wege zur Brücke fehlen auf beiden Seiten so weit das Auge reicht. Hier wird das wahre Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Zahllose Tierkadaver liegen im Schlamm und etwas weiter entfernt bedecken Tücher und Teppiche leblose Menschenkörper. Wir sind sprach- und hilflos.

Später informieren wir ausführlich unsere militärischen Führer und die afghanischen Ortskräfte. Unser Auftrag ist hier erst einmal beendet. Wir fahren zurück nach Sheberghan ins Camp Monitor, übernachten dort und am nächsten Tag geht’s weiter zum Camp Marmal. Duschen, essen und ausschlafen ist alles, was sich heute jeder von uns wünscht. Um die Erlebnisse der letzten Tage emotional zu verarbeiten, werden wir mit Hilfe eines Peer intensive Gespräche führen.

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19. April: Überschwemmung in Sar-e Pol (1)

Collage: Afghanische Soldaten helfen bei der Verteilung der Hilfsgüter; Buch-Icon
Nach den Überschwemmungen: Die Bundeswehr unterstützt die afghanische Armee beim Verteilen von Hilfsgütern (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Angenehm wie ein Zahnarztbohrer schreit uns spätabends das Funkgerät des Kompaniechefs an. Kurze schlanke Sätze verlassen es krächzend, ein Auftrag wird schnell formuliert.

Die Information lautet: Überschwemmung im Raum Sar-E Pol, der sich einige Autostunden südwestlich von unserem Feldlager entfernt befindet. Starke Regenfälle in den letzten Tagen ließen Massen an Wasser, Geröll und Schlamm als Flutwelle in der Region wüten. Um sich ein Bild von der Zerstörung und der möglichen Unterstützung zu verschaffen, folgt ein Erkundungsauftrag an ein Team aus dem Stab.

Dieses Team muss durch unsere Jungs der Kfz-Gruppe abgesichert werden. Innerhalb kürzester Zeit werden die Fahrzeuge marschbereit gemacht. Ein Anhänger mit Wasser, Proviant, Klappbetten und Chemietoiletten beladen. Die Packdevise lautet: Haben ist besser als brauchen. In der nächtlichen Befehlsausgabe erfahren Hauptfeldwebel Mario K. und Oberfeldwebel Sebastian L., dass der afghanische Provinzgouverneur bei den ISAF-Truppen um Hilfe gebeten hat. Es hieß, seine Provinz sei überschwemmt, es gebe Tote und Tausende Obdachlose. Nach einer kurzen Nacht rollen wir los und verlassen das Camp Marmal in Richtung Westen.

Der kleine Konvoi aus vier Fahrzeugen erreicht nach drei Stunden den Ort Sheberghan, hier befindet sich das schwedische Camp Monitor. Tanken, Frühstück und ein intensives Kartenstudium vor der Weiterfahrt. Zügig voran geht es die letzten 60 Kilometer nach Sar-E-Pol. Hier erwartet man uns in dem von einer Ziegelmauer umgebenen Amtssitz des Gouverneurs. Bewacht wird das Gebäude von Kräften der afghanischen Nationalarmee. Ein karger Raum ist unsere Unterkunft für die nächsten Tage. Von einer Überschwemmung ist erstmal nichts zu sehen.

Kaum haben wir uns notdürftig eingerichtet, unterstützen wir amerikanische Truppen und übernehmen gemeinsam mit schwedischen Kameraden die Sicherung des provisorischen Hubschrauberlandeplatzes. Mit Transporthubschraubern fliegen die Amerikaner Wasserflaschen für die Bevölkerung in das Überschwemmungsgebiet.

Soldaten der afghanischen Nationalarmee verladen die Flaschen auf Lkws. Morgen Vormittag sollen sie an die Bevölkerung verteilt werden. Erschöpft schläft jeder ein, der nicht gerade am Hubschrauberlandeplatz sichert. Auch diese Nacht in Sar-E Pol ist kurz. Um 5.30 Uhr müssen wir zum Landeplatz, um bei weiteren Hubschraubern die Landung zu sichern.

Im Bauch der Maschinen befinden sich Wasser, Notrationen Verpflegung und Medikamente. Wenige Stunden später begleiten wir mit unseren Fahrzeugen den mit Hilfsgütern beladen Konvoi. Das zwei Kilometer entfernte Ziel erreichen die Fahrzeuge der afghanischen Nationalarmee, afghanischen Polizei und Mitarbeiter der Vereinten Nationen (VN) zügig. Die verladenen Hilfsgüter sollen in einem provisorisch eingerichteten Flüchtlingslager verteilt werden.

Hier warten bereits viele Flutopfer auf uns und die örtlichen Helfer beginnen umgehend mit der Verteilung der Hilfsgüter. Plötzlich sind wir ganz nah am Leiden dieser Menschen. Es ist schwer dies zu begreifen.

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15. April: Deutsch-amerikanisches Schießen

Collage: Buch-Icon und Gruppenbild deutsche und amerikanisches Soldaten
Gemeinsam im Einsatz: Deutsche und Amerikaner auf der Schießbahn (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

You’ll never walk alone“ ist nicht nur eine bekannte Fußball-Hymne sondern Realität im Auslandseinsatz. Ob im Stab, Fitnessbereich oder Küche, überall sind wir international. Mit Kameraden anderer Nationen ins Gespräch zu kommen ist eines der einfachsten Dinge der Welt, man muss nur wollen.

In diesem Fall ging die Initiative von Erwin R. aus. Er ist US-amerikanischer Stabsfeldwebel der sich auf Grund der ansprechenden Außenbeleuchtung in unsere Betreuungseinrichtung verirrt hatte und mit unserem Kompaniechef ins Gespräch kam. Dabei wurden schnell die gemeinsamen Interessen ausgelotet und in mindestens drei Punkten Übereinstimmung erreicht: Fahren mit gepanzerten Fahrzeugen, Schießen mit Handwaffen und saftige Steaks vom Grill.

Zu den internationalen Auszeichnungen, die US-Soldaten an ihrer Uniform tragen dürfen, gehört auch die deutsche Schützenschnur in Bronze, Silber oder Gold. Wir nehmen diese Anregung auf und einigen uns schnell auf das Durchführen eines gemeinsamen Schießens, um die Waffen des NATO-Partners kennenzulernen.

Hier wird nichts auf die lange Bank geschoben, schon ein paar Tage später ist es soweit. Morgens rollen die Gefechtsfahrzeuge der Kompanie Richtung Schießbahn. Die Besatzungen sind deutsch–amerikanisch gemischt und amerikanische Geländewagen fahren in der Mitte des Konvois mit. Nach Erreichen der Schießbahn laden wir erst mal aus. Unter anerkennendem Nicken erscheint Waffe für Waffe und die dazugehörige Munition. Wie zu Hause erklärt der Leitende des Schießens, unser Hauptfeldwebel Thomas L., wie und wohin geschossen wird, was zu beachten ist und wer wann was macht. Alles in fließendem Englisch. Respekt dafür nicht nur von den deutschen Soldaten.

Dann geht’s endlich los. Gegenseitig erklären wir uns erst die Funktionsweise der einzelnen Waffen und dann wird geschossen. Sprachbarrieren gibt es kaum und zur Not helfen Hände und Füße. Selbst bei einsetzendem Regen sind uns der Spaß und die Motivation anzusehen. Die Waffen schweigen nur kurz für die Dauer des Magazinwechsels. Wir testen Pistolen, Gewehre und verschiedene Maschinengewehre auf Herz und Nieren und diskutieren das Für und Wider fachmännisch. Am Nachmittag finden die letzten Schüsse ihren Weg in die arg in Mitleidenschaft gezogenen Schützenscheiben.

13 amerikanische Kameraden haben die Leistungen für die Schützenschnur in Gold oder Silber erfüllt. Die Auszeichnung erfolgt am Abend in eben jener Betreuungseinrichtung, die den Stein ins Rollen brachte. Bei der kleinen Zeremonie verliest der Kompaniechef die Auszeichnungsurkunden in Deutsch und Englisch und jeweils ein deutscher Soldat überreicht die Urkunde und die Schützenschnur an einen US-Soldaten.

Der amerikanische Kommandeur des 1. Bataillons des 30. Infanterie-Regiments hält auch eine kurze Rede. Sein Verband hat im Ersten und Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft und nun verrichten seine Soldaten gemeinsam mit uns Deutschen hier in Afghanistan ihren Dienst. Tage wie der heutige machen die freundschaftliche Verbundenheit zwischen den Partnern erlebbar.

Derweil haben der Spieß und unser Verpflegungsgruppenführer Hauptfeldwebel Daniel R. mit seinen Soldaten Punkt drei der deutsch-amerikanischen Übereinstimmungen wahrgemacht und diverse Leckereien über den Grillrost gejagt. Sofort verstummen die Fachsimpeleien über Visiereinrichtungen und Maßnahmen zur Beseitigung von Störungen an Waffen.

Den Genuss der Steaks und Bratwürste unterbrechen wir danach nur für die Schilderung kleiner Anekdoten. Erinnerungen kommen hoch an kleine Vorgartenidyllen und Menschen, die in Bermudashorts mit Barbecue-Smokern experimentieren, Soldatinnen und Soldaten zu Hause bei ihren Familien und Freunden – bis es wieder so weit ist, werden für uns noch einige Monate hier in Afghanistan vergehen.

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1. April: Besuch aus Mecklenburg-Vorpommern

Caffier mit mehreren Soldaten vor dem Ortsschild von Eggesin
Besuch aus der Heimat. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern vor dem „Ortsschild“ der Stabskompanie in Masar-i Scharif (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Wahrnehmung unseres ISAF-Einsatzes durch die Bevölkerung in der Heimat ist wichtig für die Soldaten in Afghanistan. Die Volksvertreter spielen dabei eine wichtige Rolle, unsere Arbeitsbedingungen, unsere Aufgaben und Wünsche den Menschen in Deutschland zu vermitteln.

Dieses Mal kommt der Besuch aus Mecklenburg-Vorpommern. Lorenz Caffier ist Innenminister des norddeutschen Bundeslandes und als amtierender Vorsitzender der deutschen Innenministerkonferenz steht die Polizeiausbildung an den Standorten Kundus und Masar-i Scharif im Fokus seines Besuches. Doch schlägt auch sein landsmännisches Herz vernehmlich und so werden Soldaten aus Mecklenburg-Vorpommern zu einer Gesprächsrunde mit Herrn Caffier eingeladen.

Neugierig wird dies von der mitgereisten Presse verfolgt. 24 Stunden vor der Gesprächsrunde wird nach Soldaten aus Mecklenburg-Vorpommern gesucht, die den Zeitungs- und Rundfunkjournalisten für Interviews zur Verfügung stehen – sicherlich wäre es einfacher gewesen, im Mittelalter eine Mannschaft für eine Segelreise zum Rand der Welt zu „gewinnen“. Die erste Reaktion auf ein Interview ist oft: „Was kann ich schon dazu sagen?“, oder: „Wieso ist gerade meine Meinung von Interesse?“. Der Norddeutsche hat viele Tugenden – „Lang' schnacken“ gehört nicht dazu. Erst der Presseoffizier Hauptmann Michael S. bringt Licht ins Dunkel und gibt Ratschläge, wie man in einem Interview nicht einfach untergeht. Mit diesem Wissen ausgestattet, gibt der Stabsgefreite Thomas K. selbstbewusst dem Deutschlandfunk ein umfangreiches Interview. Als Kraftfahrer der Kfz-Gruppe berichtet er von seinen vielen Erlebnissen außerhalb des Camps.

Den geübten Spürnasen der Journalisten entgeht keiner, auch wenn er wie ein scheues Reh das Weite suchen will. Eifrig befragt der Korrespondent des Nordkuriers einige Mecklenburger Soldaten nach ihrer Herkunft und ihren Eindrücken im Einsatz. Die Gesprächsrunde mit dem Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns gestaltet sich kurzweilig. Gleich bei der Vorstellungsrunde rückt das Zuhause im Norden ein bisschen näher – Schwerin, Rostock, Anklam, Stralsund oder Ückeritz – alles bekannte Heimatorte. Viele Fragen nach Familie, Unterbringung und Auftrag folgen.

Der Pflicht folgt die Kür. Herr Caffier nimmt bereitwillig unsere Einladung zu einem gemeinsamen Foto an. Für uns endet der Besuch an der Stelle, wo wir ein sichtbares Zeichen unserer Verbundenheit mit der Patengemeinde der Stabskompanie Panzergrenadierbrigade 41 aufgestellt haben: Afghanistan Camp Marmal, Ortsteil Eggesin.

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30. März: Anschießen der Handwaffen

Collage: Buch-Icon und Soldaten beim Schießtraining
Soldaten beim Schießtraining (Quelle: Bundeswehr/Walter)Größere Abbildung anzeigen

Wie Schüler, die auf ihren Bus warten, steht eine kleine Gruppe Soldaten morgens am vereinbarten Treffpunkt. Ich verlasse heute das erste Mal das sichere Camp Marmal. Das Ziel ist die Schießbahn außerhalb des Camps, um meine Pistole und mein Gewehr anzuschießen. Ausgerüstet mit schusssicherer Weste, Helm und Rucksack erwartet mich als erstes eine Fahrt mit dem gepanzerten Fahrzeug Dingo 2.

Anders als bei einer Busfahrt gibt es vor der Abfahrt einen Marschbefehl. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Checklisten erleichtern die Arbeit. Angespannt besteige ich das Fahrzeug und sitze in Fahrtrichtung rückwärts. Die Fahrzeuge setzen sich in Marsch. Wie ein Sportler der sich vor dem Wettkampf ein paar Runden warmläuft, durchfahren wir langsam das Camp. Ich sehe in die Gesichter meiner drei Begleiter. Durch die getönten Sicherheitsbrillen kann ich die Augen nicht erkennen, aber das Schweigen lässt mich vermuten, dass nicht nur für mich diese Situation ungewohnt ist.

Nachdem wir das Tor passiert haben, fahren wir auf einem sehr staubigen und unbefestigten Weg. Das Fahrzeug schaukelt kräftig beim Durchfahren der tiefen Löcher und Gräben, doch Sitz und Gurt geben mir Halt. Besonders jetzt schätze ich die vielen Halterungen, die die Ausrüstung an ihrem Platz halten. Die Befehle von Hauptfeldwebel Mario K. während der Fahrt, ob über Funk oder zum Fahrer, sind kurz, knapp und ohne Schnörkel. Kein Wort zuviel, zum Reden ist abends genug Zeit.

Die Fahrzeuge halten nach ein paar Kilometern und die uns nachziehende Staubwolke nebelt alle ein. Die Schießbahn liegt in einer tiefen Senke, in der in unterschiedlichen Abständen verschiedene Zielscheiben aufgebaut sind. Hier kann sich jeder Schütze im Liegen, Stehen und kniend davon überzeugen, dass seine Waffen ins Ziel treffen.

Wie alle anderen auch, lege ich mich auf den Boden und visiere das Ziel an. „Neun rechts oben“, höre ich vom Zielansager mit Fernrohr. Mit jedem Schuss dringt eine Mischung aus Pulverdampf und trockenem, staubigem Lehm in Mund und Nase. Präzise wie ein Uhrmacher schraubt Stabsunteroffizier Frank T. an meinem Visier bis eine Folge von Schüssen ins Schwarze trifft. Zufrieden mit meinem Ergebnis mache ich im Schatten eines Lkw Rast.

100 Meter von uns entfernt sitzt unser afghanischer Sprachmittler bequem auf einem Klappstuhl. Er liest Zeitung oder döst in der Sonne. Seine Dienste wurden heute noch nicht benötigt, da bisher kein Afghane in der Nähe war. Dann jedoch nähern sich langsam zwei kleine afghanische Jungen. Ich schätze sie auf sechs bis acht Jahre. Sie schauen sich in unserer Umgebung um.

Ob Deutschland oder Afghanistan; Kinder haben in der Nähe von Waffen nichts verloren. Mit einer deutlichen Geste schickt sie der Leitende des Schießens weg. Sie trotten von dannen, nicht ohne eine Entdeckung zu machen. Wie Max und Moriz schleichen sie zum Sprachmittler, der vermutlich in der Sonne eingeschlafen ist. Unbemerkt stibitzen sie ihm einen seiner Verpflegungsbeutel der Truppenküche. Schnell wie die Wiesel rennen sie mit der Beute weg. Ich bin sicher, es wird ihnen schmecken.

Am Horizont kann man das riesige Camp und die nahenden Fahrzeuge mit den nächsten Schützen erkennen. Jeder Soldat bekommt durch das Schießen zumindest eine kleine Vorahnung davon, was die Jungs und Mädels in den anderen, entlegenen kleinen Camps täglich erleben und leisten müssen.

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20. März: Die Unterkunft

Collage: Buch-Icon und drei Soldaten im Unterkunftsraum
Die Unterkunft im Einsatzland (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

My home is my castle.“ – Dieses Sprichwort gilt insbesondere für die Soldaten, die hier in Afghanistan das Glück, haben in einem Wohncontainer zu übernachten. Die sind gepanzert und zu einer Doppelreihe miteinander verbunden. Das lange Gebäude wird Shelter genannt und gilt auch im Alarmfall als sicher. An beide Enden mit Eingängen versehen, unterscheidet sich das Ambiente kaum von einem langen Finanzamt-Flur mit vielen gegenüberliegenden Türen.

Damit schlaftrunkene Bewohner morgens oder nachts ihr Zimmer finden, haben sie die Türen meist individuell beklebt oder behängt. Ob Schalke, Comics, Motivationssprüche oder Heimatflaggen: Alles ist als Wegweiser ins eigene Bett geeignet. Mit Toiletten und Duschen ausgestattet, ist diese Containerburg mein Zuhause für die nächsten Monate. Wie alle anderen, muss ich mich erst daran gewöhnen, 16 Quadratmeter mit jemandem zu teilen und mit einer sehr funktionalen Einrichtung zu wohnen.

Der Kompaniechef und ich bewohnen einen dieser unzähligen Container. Mit allen Vor- und Nachteilen. Wir bemühen uns wirklich sehr, nicht auch noch spät abends über den Dienst zu reden – mal klappt das, mal nicht. Schnell haben wir gemeinsame kleine Rituale. Die Reihenfolge beim Aufstehen und ins Bett gehen ist zum Beispiel schnell gefunden. Wir haben beide in früheren Einsätzen schon monatelang in Zelten geschlafen und schätzen daher unseren Container sehr.

Es ist keine Seltenheit, dass sich Soldaten zum Quatschen und Fernsehen spontan treffen. Hier kann man erleben, wie sich Sardinen fühlen. Manchmal auch riechen, weshalb der Kompaniechef die Mülleimer vor die Tür befohlen hat. Alkohol und Rauchen sind im Container tabu, genau wie Partys oder Türen schmeißen. Darüber wacht der Spieß persönlich. Bartstoppeln und Zahnputzreste im Waschbecken sowie leere Duschbadflaschen und alte Rasierklingen auf der Ablage vergessen sollte man dringend vermeiden, wenn man nicht beim Spieß im Schwitzkasten hängen möchte. Hier räumt Mutti nicht auf.

Jeder schafft sich auf einer Fläche kaum größer als sein Bett sein eigenes kleines Reich. Garniert mit Kuschelkissen, Teddybär der Kinder, Hawaii-Bettwäsche oder Tagesdecke sieht kein Bett aus wie das andere. Der eine hat eine Fototapete seiner ganzen Familie an der Wand, der andere bunte Poster. Ich habe zu Weihnachten einen digitalen Bilderrahmen bekommen. So wechseln sich häufig die Bilder meiner Liebsten mit den gemeinsamen Urlaubsbildern ab. Das lässt mich in Gedanken bei ihnen sein.

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12. März: Besuch der Bundeskanzlerin

Collage: Buch-Icon und Merkel inmitten von Soldaten
Kanzlerin Merkel besucht die Einsatzsoldaten (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Dass Truppenbesuche von hochrangigen Persönlichkeiten nicht an die große Glocke gehängt werden, ist im Einsatzland jedem klar. Die Kunst ist es vielmehr, den Besuch aus Sicherheitsgründen so lange wie möglich verdeckt zu halten und die umfangreichen Vorbereitungen alltäglich erscheinen zu lassen. Erst kurz vor der Landung der Bundeskanzlerin Angela Merkel in Masar-i Scharif hörte ich von ihrem kurzfristig geplanten Truppenbesuch.

Nach wenigen Telefonaten ist klar, dass die Stabskompanie verschiedene Aufgaben übernimmt, um unserem Gast den Aufenthalt sicher und angenehm zu gestalten. Die Kfz-Gruppe der Stabskompanie sorgt normalerweise mit ihren geschützten Fahrzeugen für die Mobilität der Soldaten, die zwischen den verschiedenen Feldlagern reisen müssen. Doch heute ist vieles anders. Sie sorgen in Zusammenarbeit mit der Militärpolizei für einen reibungslosen Ablauf bei den Eingangskontrollen und fahren in Teilen des Feldlagers Streife. Für gelernte Infanteristen ist das Routine.

Gewöhnlich gehen wir in kleinen Gruppen zwanglos zum Mittagessen, um dabei über dies und das zu reden. In der Küche gibt es inoffizielle Stammtische, an denen sich immer wieder die gleichen Einheiten versammeln, um gemeinsam zu speisen. Heute stelle ich fest, dass unser Tisch belegt ist. Kurzerhand steuere ich einen der nächsten Tische an, setze mich und lass' es mir schmecken. Mitten in der Bewegung verharre ich kurz, als ich sehe, dass wenige Armlängen entfernt die Bundeskanzlerin sitzt und gemeinsam mit Soldaten normale Truppenverpflegung isst.

Alle Soldaten ohne Sicherungsauftrag sind für 15 Uhr eingeladen, an einer Rede der Bundeskanzlerin teilzunehmen. Sehr viele nutzen diese einmalige Gelegenheit. Fleißige Hände der Stabskompanie haben die Betreuungseinrichtung „Planet Mazar“ eigens dafür hergerichtet. Zwei Grillstände und zahlreiche Sitzgelegenheiten sind vorbereitet. Nach der Rede beginnt das Gedränge ums Grillwürstchen.

Die Bundeskanzlerin hat freie Wahl. Gekonnt serviert ihr der Hauptgefreite Steffen S. die Bratwurst ihrer Wahl. Nur Eingeweihte wissen, dass er normalerweise ein 14 Tonnen schweres gepanzertes Fahrzeug durch gefährliche Landesabschnitte bewegt. Nach der kleinen Stärkung habe ich das Glück, die Kanzlerin persönlich zu treffen. Sie erklärt sich bereit, sich mit Soldaten, Polizisten und zivilen Mitarbeitern fotografieren zu lassen. Der Andrang ist groß und ich stehe weit hinten. Spontan beschließt die Kanzlerin wegen des Hintergrundes die Fotos am anderen Ende des Raumes zu machen. So steh ich nach kurzer Zeit neben ihr.

Bevor sie sich geduldig für ein gemeinsames Foto neben mich stellt, stellt sie mir ein paar persönliche Fragen. Sie macht auf mich einen sehr interessierten und entspannten Eindruck. Nach dem Foto verabschiedet sie mich mit einem Händedruck und wünscht mir für den Einsatz und meiner Familie zu Hause alles Gute. Beeindruckend finde ich, dass sie sich trotz des ganzen Trubels Zeit nimmt für Gespräche und Fotos mit vielen Soldaten. Dieser Besuch sorgt auch am Abend, lange nach Abreise der Kanzlerin, für viel Gesprächsstoff und Diskussionen.

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11. März: Kompanieübergabe

Collage: Buch-Icon und ein Soldat, der einem anderem Soldaten eine Truppenfahne übergibt
Die Stabskompanie in Masar-i Scharif wird an das Nachfolgekontingent übergeben (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Kaum angekommen in Masar-i Scharif geht es gleich los. Die Stabskompanie des deutschen Einsatzkontingents im Camp Marmal hatte schon einige Kompaniechefs. Die nächsten sechs Monate wird uns Major Frank F. führen. In Torgelow ist er auch unser Kompaniechef und deshalb kennt er sich mit den Ecken und Kanten einer solch speziellen Einheit bestens aus.

Die Dienstgeschäfte werden in Form eines feierlichen Appells übergeben. Bevor der alte Chef den Staffelstab in Form eines Kompaniewimpels allerdings an den neuen Chef übergeben kann, ist erst mal jede Menge Material und Papier zu bewegen. Wie in jeder zivilen Firma am Jahresende, ist auch in der Stabskompanie zum Kontingentwechsel eine Inventur fällig, schließlich kauft keiner gern die berühmte Katze im Sack. Seit Tagen drucken dafür die Logistiker unentwegt Listen, Tabellen und Formulare aus und sprechen sich über die beste Vorgehensweise ab.

Mindestens ebenso beschäftigt sind die Soldaten, die über das Material wie Fahrzeuge, Computer oder Funkgeräte für die Einsatzzeit wachen. Jetzt heißt es zählen, vergleichen und abhaken und das im Akkord und bei laufendem Geschäft. So etwas ist nur im Einsatz möglich: in kürzester Zeit haben es alle geschafft. Mit Stolz überreicht mein Vorgänger Oberleutnant Mike F. seinem Chef die Ergebnisse und kann sich dabei ein breites Grinsen und ein „Zeit zum Feiern“ nicht verkneifen.

Der feierliche Appell folgt auf dem Fuße. Hinter dem langen Containergebäude, auch Shelter genannt, sind die Angehörigen der alten und der neuen Stabskompanie sowie der Wehrverwaltung im Einsatz angetreten. Dem Chefwechsel gehen allerdings noch zwei andere wichtige Ereignisse voraus: Zum einen erhalten viele Soldaten unseres Vorgänger-Kontingentes ihre Einsatzmedaillen, Auszeichnungen und Urkunden. Damit werden sie auch für ihre Leistungen gewürdigt. Anschließend folgt die Übergabe der goldenen Spießkordel von Kompaniefeldwebel zu Kompaniefeldwebel, die nach einem festem Händedruck von der einen zur anderen Schulter wechselt. Dem neuen Spieß, Oberstabsfeldwebel Andreas M., sind der Stolz und die Entschlossenheit, ab jetzt für seine Jungs und Mädels da zu sein, deutlich anzusehen.

Den eigentlichen Höhepunkt, die Übergabe von Kompaniechef zu Kompaniechef übernahm Brigadegeneral Franz Weidhüner selbst. Treffend sagte der General in seiner Rede zu den beiden Kompanie-Chefs, der eine müsse jetzt loslassen und der andere zupacken. Oft wird im Zusammenhang mit Kontingentwechseln scherzhaft von den beiden schlechtesten Soldaten erzählt nämlich dem Vorgänger und dem Nachfolger. Ich denke bei mir: Hoffentlich haben wir genau so viel Glück wie unsere Vorgänger, dass alle von uns unbeschadet an Leib und Seele nach Hause kommen und dass wir mit ebensolcher Begeisterung und Motivation abgelöst werden.

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10. März: Die Anreise

Collage: Airbus A310 auf dem Rollfeld
Von Köln-Wahn aus fliegt der Bundeswehr-Airbus nach Termez (Quelle: Bundeswehr/Bicker)Größere Abbildung anzeigen

Endlich ist es so weit. Es ist ein komisches Gefühl, als ich in Köln/Wahn um neun Uhr die Eingangshalle der Flugabfertigung betrete. Alle Soldaten sind in der sandfarbenen Uniform gekleidet und scheinen jeden Neuankömmling zu mustern. An den Anblick dieser Uniform muss ich mich auch erst noch gewöhnen. Schnell finde ich die Gruppe meiner Kameraden, in der ich anonym untertauchen kann und mich dann ungestört umschaue. Schnell muss ich feststellen, dass zwar viele geschäftig tun, aber irgendwie nur ziellos herumlaufen oder wiederholt Kontrollblicke auf ihre Ausrüstung werfen.

Erlösend wie ein Schuss aus der Startpistole kommt endlich die Durchsage, dass der Airbus A320 bereitsteht und der Fug 12.30 Uhr startet. Von den Kameraden der Luftwaffe fühle ich mich abgefertigt, als wären wir mit einem Zivilflieger unterwegs. Der Bordservice in der Militärmaschine könnte sich durchaus mit jeder Fluggesellschaft messen. Aber ein Blick in die ernsten, nachdenklichen Gesichter reicht, um zu sehen, dass das hier keine Urlaubsreise ist.

In Termez auf usbekischem Boden sind wir eine halbe Stunde von unserem Flugziel Masar-i Scharif entfernt zwischengelandet. Nach sechs Stunden Flug bin ich erschöpft. Verblüfft schaue ich auf die im Dunkeln grell leuchtende Uhr im Eingangsbereich. Um vier Stunden muss ich jetzt meine Uhr vorstellen, um morgen pünktlich beim Frühstück zu sein. Zäh, als wäre der Uhrzeiger festgeschweisst vergehen die folgenden Stunden. Viel Zeit zum Nachzudenken. Am nächsten Morgen geht es weiter. Für die Transall ist die Entfernung von Termez nach Masar-i Scharif nur ein Katzensprung. Wieder drehe ich an meiner Uhr, für lange Zeit das letzte Mal. Afghanistan ist der mitteleuropäischen Zeit dreieinhalb Stunden voraus.

Gelandet. Am Ausgang des Flugfeldes steht eine Traube von Soldaten und wartet auf uns. Von weitem erkenne ich meinen Spieß und neben ihm Oberleutnant Mike F., den derzeitigen S4-Offizier. Ich weiß nicht, wer von beiden sich mehr freut mich zu sehen. Es ist ein gutes Gefühl bekannte Gesichter in einem unbekannten Land zu sehen. Ab jetzt wechseln sich hunderte neuer Eindrücke vom Feldlager mit ebenso vielen neuen Gesichtern ab.

Schon in den ersten Stunden prasseln von allen Seiten scheinbar wahllos kombinierte ISAF-Abkürzungen auf mich ein, die mir das Leben hier erleichtern sollen. Am zögerlichen Nachfragen, erstaunten Ausrufen und am Hosengummi erkennt man das neue Kontingent. Schon jetzt vermisse ich meine Liebsten, komme aber vor Neugier und einem straffen Übergabeprogramm gar nicht dazu, lange darüber nachzudenken.

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Februar 2012: Vorbereitung

Von März bis September 2012 werde ich mit den Frauen und Männern unserer Stabskompanie meinen Dienst in Masar-i Scharif unter ISAF-Kommando verrichten. Das ist mein dritter Auslandseinsatz, aber mein erster in Afghanistan. Als S4-Offizier, stellvertretender Kompaniechef und Gefahrgutbeauftragter habe ich viele verschiedene und interessante Aufgaben.

Wenn Verwandten und Bekannte fragen, was ich in Afghanistan mache, antworte ich einfach: „Wir betreiben so etwas wie eine XXL Autobahn-Raststätte mit Zusatzangebot.“ Im Angebot haben wir Dinge wie eine Tankstelle für das gesamte Feldlager zur Kfz-Betankung aller Nationen, eine große Paketversandstelle, den TÜV für Waffen und Fahrzeuge, mehrere verschiedene Musik- und Internetcafés mit wechselndem Unterhaltungsprogramm, eine kleine Autowerkstatt, gepanzerter Personentransport und den Personalführungs- und Buchhaltungsservice für mehrere Dienststellen. Ich bin mir sicher, uns wird bestimmt nicht langweilig.

Wie viele meiner Kameraden habe ich mich langfristig und intensiv auf meinen sechseinhalb monatigen Einsatz vorbereitet. Ich habe viel darüber gelesen, Berichte gesehen und Gespräche mit Kameraden geführt, die bereits bei der ISAF-Truppe waren. In letzter Zeit habe ich immer öfter kleine Erledigungen nach hinten geschoben. Je näher der Abflugtermin heranrückte, desto schneller vergeht die Zeit.

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FußFzeile

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Stand vom: 05.11.12 | Autor: Norman H.


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